Von Warnfried Dettling

Die Ökonomie genoß unter den Sozialwissenschaften lange Zeit einen guten Ruf. Sie galt als eine theoretisch entwickelte, methodisch raffinierte und, besonders wichtig, für die Praxis brauchbare Wissenschaft. Dieses Prestige freilich hatte seinen Preis; es war und ist erkauft durch allzu einfache Annahmen über die Natur des Menschen und über das menschliche Verhalten (Homo oeconomicus). Dieser eher methodische Vorbehalt gegen das (neo)klassische ökonomische Denken radikalisierte sich, je mehr mit dem wirtschaftlichen Erfolg entwickelter Industriegesellschaften die menschlichen, sozialen und ökologischen Kosten spürbar wurden. Die Wirtschaftswissenschaften haben, so geht der Vorwurf, zu einer Sicht der Dinge beigetragen, die das Leben und die Gesellschaft auf die Wirtschaft verkürze. Damit aber würden sie sich selber zum Problem, da sie nur begriffen, was einen Preis habe, was sich messen lasse. Es fehlten ihnen die Antennen, um die wirklich wichtigen Fragen unserer Zeit zu erfassen, von der Krise menschlicher Gemeinschaften über die Umwelt bis hin zu Fragen der Moral. "Die klügsten Köpfe haben mathematische Verhaltensmodelle konstruiert auf der Annahme, daß die Menschen gegebene Bedürfnisse möglichst umfassend befriedigen wollen", so bringt eine Expertise der Washingtoner Brookings Institution das Dilemma der Ökonomie auf den Punkt, "ihre Welt ist bevölkert mit rationalen Wesen, die weder gut noch schlecht sind."

Ernst Ulrich von Weizsäcker, Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie, beschreibt einen Epochenwechsel: So wie das 20. Jahrhundert, vor allem dessen zweite Hälfte, die Epoche der Wirtschaft war, so werde das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Umwelt werden. Sein (voreiliger?) Abgesang an die Herrschaft der Ökonomie über den sozialen Kosmos enthält durchaus auch ein Kompliment, habe doch "unser Jahrhundert der Ökonomie" das 19. Jahrhundert der Nationen und des Nationalismus abgelöst, ein gewaltiger politischer und kultureller Fortschritt, vor allem in und für Deutschland. Und in der Tat scheint es ja bis heute so, als habe sich ökonomisches Denken, auch nach dem Zeitenbruch von 1989, noch am wenigsten von nationalem Überschwange anstecken lassen.

Das also wäre die eine Möglichkeit: Rückzug der Ökonomie aus ihrer Hegemonie über Staat und Gesellschaft, über das Denken und Fühlen der Menschen – immer verbunden freilich mit der nicht nur klammheimlichen Hoffnung, daß sie am Ende doch Wege in den Aufschwung und aus der Arbeitslosigkeit weisen möge. Die andere Perspektive: eine neue Wirtschaftswissenschaft, die ihre "ökonomischen" Begrenztheiten verliert und sich statt dessen daranmacht, zum Verständnis auch politischer und gesellschaftlicher, ja sogar moralischer und ethischer Fragen beizutragen. Das Verständnis von Wirtschafts- als Gesellschaftswissenschaft hat Tradition. Es beginnt mit Aristoteles, und auch für Adam Smith war es noch selbstverständlich, über den Reichtum der Nationen ebenso zu schreiben wie über die moralischen Gefühle der Menschen. Später haben vor allem Joseph A. Schumpeter, Anthony Downs und Philipp Herder-Dorneich ökonomische Theorien der Politik begründet.

Inzwischen hat sich die ökonomische Theorie der Politik erfolgreich weiterentwickelt: zur Neuen Politischen Ökonomie. Professor Guy Kirsch, Direktor des Seminars für Finanzwissenschaften an der Universität Fribourg in der Schweiz, hat nun in einem bemerkenswerten Buch nicht nur einen souveränen Überblick über die Forschungslandschaft gegeben, er hat auch die Grenzen der Disziplin energisch und kreativ nach vorne getrieben, aus intellektueller Neugier gewiß, doch immer auch in dem Bemühen, scheinbar ferne Fragen in ökonomischem Geiste zu durchdringen. Drei Beispiele:

Ökonomie, Moral und Gewissen: Eines der Axiome der ökonomischen Theorie ist die Annahme, daß sich Menschen am eigenen Vorteil orientieren. Aus diesem Prinzip des ökonomisch rationalen Verhaltens konnten die Ökonomen zahlreiche Modelle schreinern, die menschliches Verhalten vielfach erstaunlich gut erklären und vorhersagen. Lange Zeit konnten die Wirtschaft, ihre Wissenschaft und die gesamte Gesellschaft sich damit zufriedengeben. Inzwischen freilich ist auf vielen Gebieten überdeutlich geworden, daß das individuell rationale Verhalten keineswegs zum gemeinsamen Vorteil aller führen muß, sondern auch zum kollektiven Desaster für alle ausschlagen kann. Die Maximierung individueller Präferenzen führt nicht automatisch zur guten Gesellschaft. Wo aber hat in einem individualistischmarktwirtschaftlichen System die gemeinsame Vernunft ihren Ort?

Guy Kirsch leitet seine Antwort von einem differenzierten Menschenbild ab: Wohl hat der Mensch selbst eigene Interessen, er hat aber auch ein Interesse am eigenen Selbst. Jeder einzelne lebt und definiert sich selbst als individuelles Wesen in einem "moralischen Raum". Dieser moralische Kontext aber ist selbst wiederum ein gesellschaftliches Ereignis, eine Art "öffentliches Gewissen" – und als solches wichtig für die Definition seiner Identität. Dieser moralische Raum kann eng oder weit definiert sein, nur das egoistische Kalkül oder auch gemeinsame Werte gelten lassen. Wie auch immer: Er ist ein gesellschaftliches Produkt, in das Werte und Wissen eingehen und das deshalb gestaltet und verändert werden kann. Die öffentliche Meinung, Bildung und Wissenschaft, Familie und Erziehung und, nicht zuletzt, die "Verfassung" der Politik prägen das moralische Klima einer Gesellschaft – und damit immer auch das Verhalten der Individuen. Dem Menschen als vernünftigem Wesen geht es nicht nur darum, wie die traditionelle Ökonomie unterstellt, selbst seine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern er hat genauso ein Interesse daran, als Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu sein. Wo das nicht möglich ist, löst sich die Gesellschaft auf, verliert der Mensch seine Identität.