Von Rita Henß

Monsieur Pascal hat Ameisen in den Beinen. Et un peu mal au dos – und das Kreuz schmerzt. Aber er lächelt. Denn Monsieur Pascal weiß, er leidet für eine große Sache: für die "Fête des Jonquilles", das Narzissenfest seiner Heimatstadt Gérardmer. In der Regel alle zwei Jahre legt sich das im November 1944 von den deutschen Besatzern fast zerstörte, heute vor allem durch seine Leinweberei und den Käse Géromé überregional bekannte Vogesenstädtchen für dieses Blumenspektakel ins Zeug. Gut jeder vierte der knapp 10 000 Einwohner ist an der Ausrichtung des Fests beteiligt, opfert Tage oder gar Wochen seiner Zeit. Monsieur Pascal ist einer von ihnen. Mit angezogenen Knien und krummem Rücken hockt der Mittfünfziger auf einem Balken am Boden des alten Schlachthofs in der Rue de Lorraine. Zu seinen Füßen steht eine Steige mit Büscheln wilder Narzissen, um ihn herum ragen allerlei Gebilde aus Moniereisen und Maschendraht zur Hallendecke – die Gerippe der chars, der Motivwagen für den corso fleuri, den großen Straßenumzug am nächsten Tag.

Seit den frühen Morgenstunden werkeln Hunderte von Familien, Cliquen, Schulklassen, Vereine – ein jeder macht seine Schicht bei der picage, steckt geduldig Blüte um Blüte ins Drahtgeflecht. Monsieur Pascal ist "so gegen drei Uhr" gekommen. Inzwischen zeigt die große Uhr in der Schlachthofhalle fast Mitternacht. Aber noch immer schimmert an dem Teil des chars, an dem Monsieur Pascal arbeitet, eine beachtliche Fläche blanken Drahtgeflechts. Ich frage, ob ich helfen darf. Mais oui, Madame! Jede Hand ist bei der picage willkommen. An vielen Stellen im Ort fordern handgemalte Schilder sogar die Vorüberkommenden zur Mithilfe auf den chantiers des chars, den Baustellen der Narzissenwagen, auf.

"Beginnen Sie unten", kommandiert sanft mein neuer Bekannter. "Und nehmen Sie nur die schönen Blüten, nicht die, die schon so braune Flecken aufweisen." Ungeschickt stochere ich die ersten Stengel in die feinen Drahtkarrees. Ein dicker Wulst hellen Mooses und zwei feine Linien aus getrockneten Farnblättern begrenzen das zu füllende Terrain. "Da brauchen Sie gut zwanzig Bouquets", schätzt Monsieur Pascal. Ein Bouquet umfaßt fünfzig Narzissen. Für einen Quadratmeter rechnet man fünfzig Bouquets. Viele der Motivwagen weisen eine Oberfläche von bis zu fünfzig Quadratmetern auf. Einige der sujets fixes, der über den gesamten Ort verstreuten, festinstallierten Blütenmotive, sicherlich noch mehr.

Nach den ersten drei Bouquets wird mein Steckrhythmus deutlich schneller. Monsieur Pascal schenkt mir einen wohlwollenden Blick. Und beginnt zu erzählen. Seit vielen Jahre baut und steckt er für das örtliche Narzissenspektakel, das größte und älteste seiner Art nicht nur in Frankreich, sondern das größte auch im Vergleich zu ähnlichen Festen in Österreich (Ausseer Land) und in der Schweiz (Montreux). Den Eiffelturm Anfang der achtziger Jahre und die Freiheitsstatue habe er schon mitgesteckt, auch den großen Wal, das Karussell und die Wikingerkogge. Und natürlich die Mickymaus-Burg vor zwei Jahren, mit der sein Sohn gemeinsam mit einem Freund sogar den ersten Preis im Motivwagenwettbewerb gewonnen hat. 30 000 Franc gab es als Lohn.

Bei den bescheidenen Anfängen der Fête des Jonquilles im Jahr 1934 waren Monsieur Pascal und sein Sprößling noch nicht mit von der Partie. Ein paar Mitglieder der Amicale Motocyclistes Gérômoise hatten sich aufgemacht zu einem Frühlingsausflug durch die Vogesen. Auf dem Rückweg, im Vallée des Lacs, kam ihnen die Idee, ihre Motorräder und Automobile mit den auf den Wiesen ringsum zu Milliarden blühenden wilden Narzissen zu schmücken. Als gelb leuchtender Konvoi zogen sie am Abend in Gérardmer ein.

Ein Jahr später schon, am Ostermontag 1935, rollte ein noch merkwürdigerer Zug durch das Vogesenstädtchen: Limousinen, die auf dem Trittbrett riesige gelbe Eier und auf dem Dach einen gelben Schwan transportierten; Cabriolets, bei denen große gelbe Pilze aus den Sitzen wuchsen, und Zweiräder, die einem Flugzeug, einem Gugelhupf, einer Champagnerflasche glichen – oder gleich ganz in einem Bootsrumpf oder einer Windmühle aus Narzissen verschwanden.