Biologische Waffen seit mehreren Jahrzehnten völkerrechtlich gebannt und von den Großmächten abgerüstet worden sind, hat ihren Mythos noch immer nicht zerbrochen.

Krankheitserreger in großer Zahl herzustellen, haltbar zu machen und durch Einsatzmittel so an den Feind zu bringen, daß nur dessen Armeen und Hinterland betroffen wurden, erwies sich lange Zeit als kaum lösbares Problem. Zugleich lahmte der Schrecken einer möglichen Vergeltung mit solchen Kriegsmittem den Eifer von Staatsführern und Militärs, die auch in Deutschland während des Ersten Weltkrieges mit Vorschlägen von fanatisierten Ärzten bombardiert wurden. Erst die rasanten Fortschritte in der medizinischen Forschung und Seuchenbekämpfung weckten den Gedanken, gestützt auf gut organisierte Vorbeugungsmaßnahmen, auch eventuelle Angriffsmöglichkeiten zu testen.

In den Labors aller Großmächte wurden seit Mitte der dreißiger Jahre solche Versuche unternommen, wobei sich die Grenzen zwischen der Erforschung passiver Schutzmaßnahmen und militärischer Einsatzplanung zwangsläufig verwischten. Am weitesten gediehen diese Bestrebungen bekanntlich in Japan, wo man B Waffen im großen Stil entwickelte und im besetzten China testete.

Über die Aktivitäten in Deutschland fehlt bis heute eine umfassende und zuverlässige historische Darstellung. Die deutsche Spitzenstellung in der Medizin seit der Jahrhundertwende läßt eigentlich erwarten, daß hier die B Forschung besonders weit entwickelt worden sein muß. Zudem hat der Nürnberger Ärzte Prozeß 1947 aufgedeckt, daß es genügend skrupellose Mediziner im "Dritten Reich" gab, die in KZs entsetzliche Experimente durchgeführt haben. Moralische und ethische Hemmschwellen waren in Deutschland sicher besonders niedrig, und die Ausbreitung von Seuchen in Vernichtungs- und Gefangenenlagern wurde von den Deutschen zwar nach außen abgeschirmt, aber durchaus als nützliches Instrument des Massenmords betrachtet. Wenn Hitler in seinem biologistischen Denken "minderwertige" Völker mit Krankheitserregern gleichsetzte, die "auszumerzen" seien, dann könnte der Eindruck entstehen, er habe tatsächlich eine "biologische Kriegführung" praktiziert.

Der Hamburger Arzt Friedrich Hansen ist dieser Überlegung nachgegangen und legt nun das Ergebnis seiner Recherchen vor. Er spannt den Bogen von den KZ Versuchen über die Seuchen in den Ghettos bis zu den Studien und Experimenten, mit denen die Wehrmacht Möglichkeiten und Gefahren von B Waffen erforschte. Von wenigen Originalakten und zeitgenössischen Schriften abgesehen, basiert Hansens Schilderung im wesentlichen auf dem Material des amerikanischen Geheimdienstes. Die von den Siegermächten verwahrten Originale der deutschen B Waffenentwicklung hat er nicht einsehen können und muß deshalb Führerbefehle in der englischen Übersetzung zitieren. Die Unzulänglichkeit seiner Quellenbasis hindert den Autor allerdings nicht daran, das Resümee der US Spezialisten, die Deutschen hätten sich der B Forschung erst sehr spät und mit mangelnder Effizienz gewidmet, schlicht zu verwerfen.

Daß Hitler mehrfach die Entwicklung von BWaffen - anders als bei der Gaswaffe und der Atombombe - strikt untersagt hat und damit nachweislich die rührigen Bemühungen von Spezialisten und Militärs blockierte, ist für Hansen nur eine raffinierte Tarnung. Das Labor des Dr. Blome in Posen, seines Zeichens Stellvertretender Reichsärzteführer und als Organisator der B Forschung 1943 eingesetzt, kam aus dem Baustadium nicht heraus. Als die Amerikaner das Ausweichlabor in Thüringen besetzten, fanden sie lediglich frisch gemörtelte Grundmauern vor. Doch für Hansen steht fest: Die Deutschen standen 1945 kurz vor Eröffnung eines militärischen B Krieges mit Pesterregern, den nur der schnelle Vormarsch der Roten Armee verhindert hat.

Schlüssige Beweise liegen für diese Spekulation nicht vor. Der Autor, im medizinhistorischen Bereich kundig, bleibt immer dann, wenn er das Feld von Politik und Strategie betritt, auf teilweise abenteuerliche Mutmaßungen angewiesen. Von Historikern vielgenutzte Schlüsselquellen, wie etwa das publizierte Kriegstagebuch des OKW, werden ignoriert. Dabei sind die wichtigsten Tatsachen seit einiger Zeit bekannt (ZEIT Nr. 431989). Wir wissen, was deutsche Militärs und Berater vorschlugen. Wir wissen, daß Churchill und Roosevelt über große Mengen von B Waffen verfügten und Einsatzpläne gegen Deutschland und Japan entwickeln ließen Über Stalins Absichten gibt es wenig Informationen, aber von Hitler kennen wir sein eindeutiges Nein zu offensiven Vorbereitungen. Engländer, Franzosen, Russen, Polen und Tschechen haben B Waffen offensichtlich zu Sabotagezwecken auch tatsächlich eingesetzt. Der deutschen Abwehr aber hat noch niemand eine solche Verwendung vorgeworfen. Gerade der Einfluß der Geheimdienste mit ihren Meldungen über die Aktivitäten des Gegners kann bei der Analyse des Wettrüstens nicht unterschätzt werden. Da gab es etwa eine geheimnisvolle Quelle in der Schweiz, die seit Mitte der dreißiger Jahre die Alliierten in der Annahme bestärkte, die Deutschen würden nicht davor zurückschrecken, B Waffen zu entwickeln und einzusetzen. Die westlichen Demokratien waren schließlich fest davon überzeugt, daß den Nazis alles zuzutrauen sei und man sich daher gegen den schlimmsten Fall wappnen müßte. Hitler dagegen konnte unterstellen, daß die Abhängigkeit demokratischer Regierungen von der öffentlichen Meinung den Ersteinsatz von B Waffen blockieren würde. Als das "Dritte Reich" unter den Schlägen der Alliierten dem Untergang entgegenging, versprachen eigene B Waffen keine Rettung. Kann - unter bestimmten Umständen - die Verkörperung des Bösen vernünftig und die "gute Seite" unvernünftig sein? Können Demokratien in ihrem Kampf gegen totalitäre Regime, fixiert auf einen Feind, dem alles zuzutrauen ist, am Ende selbst hemmungslos werden? Hansens Darstellung der medizinischen Seuchenforschung und bekämpfung im "Dritten Reich", die zweifellos auch Denkanstöße für die medizinische Ethik vermittelt, läßt solchen Überlegungen keinen Raum. Campus Verlag, FrankfurtNew York 1993; 211 S , 38 - DM