An seinem siebzehnten Geburtstag notiert der angehende Dichter, daß ihm, außer den Wollsocken und dem ersehnten Cordsamtjackett, "das Klopstock-Buch doch den größten Eindruck gemacht" habe: "Ich möchte so schreiben können wie Klopstock und seine Art zu denken lernen. Er redet nicht nur stark – er redet stark dagegen." Fast zwanzig Jahre danach, am Silvesterabend 1976 und nun nicht mehr in Plauen/Sachsen, sondern im Kanton Graubünden in der Schweiz, zieht Bernd Jentzsch Zwischenbilanz: "Das Vaterland hat mir den Kopf verdreht, weit nach hinten. Es möge nützen!" Dazu, wie es vom Dagegensein zum Kopf verdrehen durch’das sozialistisch-deutsche Vaterland kam, und auch, wozu all dies womöglich nütze war, hat Jentzsch ein Materialkonvolut vorgelegt. Er selbst steht eben im Begriff, in Leipzig mit dem ehemaligen Literaturinstitut Johannes R. Becher auch eine Literaturprofessur zu übernehmen – "Flöze" ist gewissermaßen das Buch zur Heimkehr.

Nach der Ausbürgerung Biermanns hatte der Honecker-Staat auch den Lyriker, Nachdichter und Herausgeber der zu Recht hochgerühmten Reihe "Poesiealbum", die in der DDR bis 1976 einer der wenigen Publikationsorte für internationale und nationale moderne Poesie war, aus seinen Grenzen ausgesperrt. Jentzsch hatte sich die Freiheit genommen, dem Staatsratsvorsitzenden in einem Brief entschieden, seine Meinung zum "Fall Biermann" zu sagen. Auch dieses Zeugnis des Aufbegehrens gegen diktatorisches Staatsgebaren spezifisch deutscher Tradition findet sich unter den "Schriften und Archiven". In akribischer Zusammenstellung wechselnder Schreibformen macht diese Sammlung deutlich, wie Jentzsch bereits seit Studententagen "dagegen" dachte und schrieb, wie er sich in seinen Eigenschaften als Lektor und Herausgeber mit Verlagsoberen herumschlug, sich mit Kollegen der "Sächsischen Dichterschule" verbündete, andere wiederum argwöhnisch oder kritisch-ironisch beobachtete, das Tagesgeschehen satirisch wahrnahm oder mit bitterer Resignation kommentierte wie etwa den 21. August 1968. Material genug also für ein spannendes Zeugnis der Literatur- und Zeitgeschichte und darin einer Schriftstellerbiographie.

Wenn es dennoch ziemlich steril zugeht, so liegt dies vor allem an der buchhalterischen Penibilität, mit der Jentzsch seine Rolle in den wechselnden Zeiten dokumentiert: Da kommt kaum ein Gedicht ohne Kommentar aus, kein Kommentar ohne einen umfangreichen Anmerkungsapparat. Natürlich ist es ganz drollig zu wissen, wer die "Lerche von Eibenstock", eine Art mundartlich-realsozialistischer Friederike Kempner, im wirklichen Leben war ("O Arzgebirg, wie bist du schie! / Wenn de Atombomb fällt, bist du hie!"). Auch ist es im Lichte der Stasi-Diskussion nicht ohne Bedeutung, eine kleine Einführung in Werk und Wirken von "Interpaule" (Paul Wiens) zu erhalten. Doch ist es symptomatisch, wenn Jentzsch sein Gruppenportrait "Berliner Dichtergarten mit Erläuterungen zu einer Warzenoperation von Ehefrau Birgit versehen muß oder dem Leser bedeutet, die Formulierung "so selten wie verzinkte Dachnägel" enthalte eine "Anspielung auf Versorgungsengpässe in der DDR". Statt einer Bildersammlung aus zerrissenen Zeiten präsentiert er so die wissenschaftlich letztgültige, gleichsam wasser- und strahlendichte Fassung seines sehr gemischten Œuvres – eine akademische Installation. Die Texte reichen bis ins Jahr 1992, doch "weit nach hinten verdreht" scheint der Kopf, dem sie entstammen und der nun meint, sie alle bedürften der umfassenden Sicherung. Selbst der Buchtitel wird, in den Worten der Sprachforscher Grimm, erläutert. Da ist von "hangenden und liegenden, sich stürzenden und wieder aufrichtenden, unartigen und schädlichen flötzen" die Rede – von Bewegung also. An der aber gebricht es dieser Sammlung am meisten. Frauke Meyer-Gosau

  • Bernd Jentzsch:

Flöze

Schriften und Archive 1954–1992; Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1993; 320 S., 39,80 DM