Von Florentino Rodriguez

HAVANNA. – Die jahrzehntelange Frontstellung zwischen den Regierungen in Washington und Havanna hat zu einer systematischen Verzerrung der Sichtweise geführt: Wer gegen die Kuba-Politik der Vereinigten Staaten Stellung bezieht, gilt automatisch als Anhänger des Castro-Regimes – und umgekehrt. Diese falsche Perspektive haben beide Regierungen (und insbesondere die kubanische) kultiviert und als Legitimation für ihre Intoleranz benutzt. Wer denkt, daß eine Meinung zu haben nicht zwangsläufig bedeutet, Verbündeter einer der beiden Konfliktparteien zu sein, wird exkommuniziert.

So paradox es scheinen mag, so führt doch gerade die wirtschaftliche Instabilität Kubas zu einer Stabilisierung der gegenwärtigen politischen Beziehungen zu Amerika. Mit dem Handelsembargo, das durch das sogenannte "Torricelli-Gesetz" vor anderthalb Jahren noch verschärft wurde, hoffen die Vereinigten Staaten, den Kommunismus von der Insel zu vertreiben und die kubanische Regierung in ihrer eigenen Ohnmacht zu ertränken. Doch mit dieser Strategie bieten die USA der Castro-Regierung auch das nützlichste Argument für ihren Antiimperialismus, der als einziger Grundpfeiler der kubanischen Politik erhalten geblieben ist.

Die von Fidel Castro proklamierte Losung des "Sozialismus oder Tod" würde sinnlos ohne einen Feind, dessen Belagerung nicht tagtäglich als tödliche Gefahr für das Überleben der Nation ins Feld geführt werden könnte. Denn über drei Jahrzehnte lang haben die Feindseligkeiten der Vereinigten Staaten Öl ins Feuer jener "revolutionären Kompromißlosigkeit" gegossen, die zunächst die Parole Vaterland und Freiheit in Vaterland oder Tod umwandelte und in der schließlich das Wort Vaterland durch Sozialismus ersetzt wurde, just als dem Auslandskapital die Tore wieder geöffnet wurden.

In einem Fernsehinterview erklärte der "neue Zar" der kubanischen Ökonomie, Politbüromitglied Carlos Lage, daß die Probleme, die der Schwarzmarkt unter den gegenwärtigen Umständen Kubas mit sich bringt, belegen, wie unmöglich die Einführung von Marktwirtschaft in Kuba ist. Eine derartige Logik könnte auch zu der Gewißheit führen, daß wegen der Gefahren des Dschungels für die Tiere ein anderes Leben als das im Zoo unmöglich wäre. Noch bemerkenswerter allerdings erscheint die stillschweigende Vehemenz, mit der Carlos Lage auf den "gegenwärtigen Umständen" beharrt, gerade als ob es für das Überleben der Regierung nötig wäre, diese zu erhalten.

Würde Clinton der Versuchung nachgeben und das Handelsembargo gegen Kuba aufheben, verlöre die Regierung in Havanna letztlich die ihr noch verbliebene Kontrolle über die Volkswirtschaft. Und dies geschähe ohne das, was wir die "Anwendung von Gewalt" zu nennen pflegen, sondern durch eine höhere Gewalt: das Kapital. Die Verbesserung der "gegenwärtigen Umstände", von denen Lage spricht, böte eine Illusion politischer Stabilität. Aber auch genau das: eine Illusion. Denn dahinter würden genau jene grundlegenden Veränderungen heranwachsen, die die Regierung der USA, ihren Aussagen zufolge, für Kuba anstrebt. Wenn ihre wirklichen Intentionen nicht andere sind, sollten die amerikanischen Politiker so weise sein, das kultivierte Land dem verbrannten Land vorzuziehen.

Die Aufhebung des Embargos wäre die erste strategische Initiative der Vereinigten Staaten in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten, die nicht durch den Antiimperialismus Fidel Castros diktiert wäre. Vielleicht würde man in der Zukunft dann von einem Zusammenbruch der "Revolution" als Folge eines Schlages reden, wie ihn Marx vorhergesagt hatte: daß nämlich der Umbruch der materiellen Basis die Veränderung des politischen Überbaus nach sich zieht.

  • Der Autor ist Kubaner und arbeitet als Journalist für eine Fachzeitschrift in Havanna. Der Name ist ein Pseudonym.