ARD, samstags, "Das Wort zum Sonntag"

Für mich heißt das Wort zum Sonntag Scheiße", sang weiland die Rockband Ton Steine Scherben, "und das Wort zum Montag: Mach mal blau." Unzählige Male ist die Minisendung vom Samstagabend verhohnepipelt worden, ja sie wurde fast zum Synonym für Schwafelei von der hochtrabenden Sorte. Dennoch blieb sie im Programm. letztes Wochenende feierte sie vierzigjähriges Jubiläum. Man muß nun umdenken und statt Gesülze und Geseire Beständigkeit und Kritikfestigkeit mit dem Kurzauftritt der Geistlichkeit vorm Spielfilm assoziieren.

Vierzig Jahre wären ja Zeit genug gewesen, um aus der fünfminütigen frohen Botschaft etwas zu machen, was die Menschen anspricht, was "die Ohren des Herzens" aufschließt. Aber man weiß, die Kirchen sind konservativ, und das ist auch besser so. Nichts schlimmer als ein Klerus, der mit Rock und Pop und sonst noch allerlei Weltlichkeit winkt und doch bloß auf Jesus hinauswill. Dann lieber Monsignore Ernst W. Nusselein, der uns erzählt: "Der Mensch braucht jemand, zu dem er aufschauen kann", und auch verrät, "wozu aufzuschauen sich lohnt". Oder Ordensschwester Isa Vermehren, die uns anvertraut, daß es Gott selber war, der ihr den Weg zum Glauben vorgezeichnet hat. Denn: "Man kann nicht einfach beschließen, Schwester zu werden, wie man beschließt, Ärztin zu werden."

Man möchte "Das Wort zum Sonntag" wohl als Programm-Saurier belächeln oder als Kuriosum gar wertschätzen, gäbe es nicht diese Tendenz der Pfarrer, Schwestern und Bischöfe, in aller Öffentlichkeit Dinge zu tun, die der gute Geschmack oder wenigstens die Schamhaftigkeit verbieten sollte – sich aufblasen und herumprahlen mit angeblichen Verdiensten: "Ich bin das Licht der Welt ... die Sonne der Liebe..."; ferner kaum verhüllte Propaganda für die kirchlichen Institutionen und ihre dubiosen Rituale – als da wären: Kirchentage, Welttage für den Frieden, Eucharistische Weltkongresse, Ostern, Pfingsten und kein Ende. "Wie ist es denn auf dem Kirchentag? War Jesus dabei? Ich sage ja. So wird ein Stück Welt neu." Zu schweigen von Predigern, die ihre kostbaren fünf Sendeminuten damit füllen, ihre Inkompetenz vorzuführen: "Mutterseelenallein sitze ich in einem Studio. Ich sehe kein menschliches Gesicht. Man hat mir gesagt, ich solle nur immer in Richtung der Kamera sprechen."

Es läßt sich aber doch aus dem "Wort zum Sonntag" was lernen. Und zwar: daß jede Dogmatik, ob geistlich oder profan, jede Einlassung zu Welt und Mensch, die nicht mehr tun kann, als im Sinne des Dogmas interpretieren, da alle Rätsel bereits im Kanon gelöst sind, entsetzlich dumm macht. All die Gleichnisse, Histörchen, Lehren und Moralen, vorgetragen bis in unsere Tage mit jenem eisgrauen, anmaßenden Tremolo, das einst vielleicht eine mimetische Antwort auf das Echo in den Kirchen war, heute aber nur noch unerträglich verstockte Besserwisserei mitzittern läßt – all das ist von einer so erbarmungswürdigen geistigen Armut, daß man unseren Talk-Show-Mastern und Volksmusik-Conférenciers, die im TV für Flachsinn stehen, Abbitte leisten möchte.

Zwar ist Gott mit den Doofen, der Mensch aber nicht. Und "die Wirkmacht der Sünde als Ursache des Bösen in der Welt" sieht er von der Wirkmacht der Einfalt überboten. Barbara Sichtermann