Von Gabriele Venzky

Kambodscha

Die beste Waffe gegen die Roten Khmer, hatte Kambodschas Premierminister Prinz Norodom Ranariddh die Delegationen des reichen Westens auf der jährlichen Geberkonferenz beschworen, sei "die Hilfe der Welt". Das sahen die Vertreter der Industrieländer genauso. 773 Millionen Dollar versprachen sie dem südasiatischen Land, das nach 23 Jahren Bürgerkrieg versucht, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Das war Mitte März. Jetzt, sechs Wochen später, stehen die Roten Khmer vor Battambang und drohen, die zweitgrößte Stadt Kambodschas einzunehmen. Die Ausländer wurden ausgeflogen, die Einheimischen sind auf der Flucht. Es ist, als wiederholte sich die Geschichte in diesem unglücklichen Land.

Dabei sah vor zwölf Monaten alles so vielversprechend aus. Kambodscha schien das Paradebeispiel dafür zu sein, daß die Vereinten Nationen sehr wohl einem Land den Frieden bringen können. Die Wahlen im vergangenen Jahr, an denen sich die Roten Khmer freilich nicht beteiligten, waren frei und fair, und die abermalige Krönung Sihanouks ließ auf künftige Stabilität hoffen.

Tatsächlich ging es wirtschaftlich voran. In der Hauptstadt Phnom Penh ist der Aufschwung an allen Ecken sichtbar. Es wird gewerkelt und gehandelt, die Geschäfte florieren. Mercedes-Limousinen bahnen sich einen Weg durch das Heer der Mopedfahrer. Das schnurlose Satelliten-Telephon ist auch hier wie überall in Asien das Statussymbol der smarten Geschäftsleute. In Phnom Penh ist es aber auch überaus nützlich. Denn die Millionenstadt hat erst wieder 3000 Telephonanschlüsse, und die wenigen Apparate funktionieren selten. Dem ausgezeichneten Finanzminister Sam Rainsy ist es gelungen, die Inflation zum Stillstand zu bringen, die Flucht in den Schwarzmarkt-Dollar ist gestoppt, kambodschanischer Riel und Dollar werden jetzt gleich gern genommen. Und eben erst wurde vor der Küste Öl gefunden. Was wollen die Kambodschaner mehr?

Doch erfolgreich war der Neuanfang nur auf den ersten Blick. Die entscheidenden Impulse haben weder die Vereinten Nationen noch die jetzt in Phnom Penh Regierenden dem Land bisher zu geben vermocht. Ein großer Teil der Bevölkerung ist vom wirtschaftlichen Wiederaufbau ausgeschlossen, in der boomenden Hauptstadt und erst recht auf dem Lande. Das erklärt die Erfolge der Roten Khmer.

Es ist absurd: Voller Todesangst schauen die Menschen auf den Vormarsch der Massenmörder – und scheinen sich schon wieder mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben. "Besser unter denen alle gleich sein, als jetzt von der Entwicklung abgekoppelt zu werden", sagen sie. Es gibt niemanden in Kambodscha, der unter der Terrorherrschaft Pol Pots zwischen 1975 und 1978 nicht engste Familienanghörige verloren hat: Weit über eine Million Menschen wurden zu Tode gehackt, erschlagen, ertränkt – so sparte man Munition.