Von Friedhelm Gröteke

Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen sie als Schrotthändler. Damals kauften die Brüder Emilio und Adriano Riva ausgediente Panzer auf und zerlegten sie. Später bauten sie ihr erstes Stahlwerk in Caronno Pertusella bei Varese. Inzwischen haben sie in ganz Europa vierzehn Stahlwerke zusammengekauft. Wichtiger Baustein auf dem Weg zu einem der größten europäischen Stahlkonglomerate war 1988 die Übernahme der Hüttenwerke in Genua, die Emilio der mächtigen römischen Staatsholding für Stahl, Ilva Spa, abkaufte. Die Ilva wußte wegen der horrenden laufenden Verluste nichts mehr damit anzufangen. Emilio Riva sanierte das Stahlwerk und rettete damit 1400 Arbeitsplätze.

Branchenkenner bescheinigen dem Stahlkocher Emilio Riva zwar, daß er mit der Branchentechnik hervorragend umzugehen weiß und ein tüchtiger Kaufmann ist. Doch ob seine Finanzen für die mächtige Expansion ausreichen, welche die Familiengruppe im letzten Jahrzehnt hinter sich gebracht hat, ist in der Branche umstritten.

Seitdem die Riva-Gruppe 1988 die Stahlwerke Sevilla in Spanien erwarben, verging kein Jahr ohne Neuerwerbungen: 1989 kamen die belgischen Öfen von Thy Marcinelle zum Konzern, 1990 kaufte Emilio Riva dem mächtigen französischen Stahlkonzern Usinor-Sacelor die Acieries et Laminoirs de Paris und gegen Jahresende auch die Laminoirs de Bretagne ab. Ende 1991 schloß Riva mit der Deutschen Treuhand einen Vertrag über die Übernahme der Henningsdorfer Elektrostahlwerke in Berlin-Henningsdorf sowie für die Brandenburger Elektrostahlwerke in Brandenburg. Und damit alles hübsch in der Familie bleibt, hat Boß Emilio Riva dem deutschen Manager Hans Hinrich Muus, Schwiegersohn seines Sohnes und Vorstandsmitglieds Claudio, die deutschen Interessen anvertraut.

Die ausländischen Besitzungen des Konzerns vereinigte Riva inzwischen in der niederländischen Finanzholding Erisider Holland. Da Riva bisher noch nie eine Konzernbilanz vorlegte, nie umfassende Geschäftsergebnisse bekanntgab und Publizität stets zu umgehen wußte, rätseln Finanzanalysten und Wirtschaftspresse über den Schuldenstand des Konzern. Selbst die erfahrenen Analytiker der Mediobanca-Studiengruppe R & S, die sonst nie vor Bilanzgeheimnissen kapitulieren, mußten sich in ihrem Handbuch mit einer Addition der Einzelergebnisse von siebzehn italienischen Firmen der Riva-Gruppe begnügen. R & S kam dabei zu dem Ergebnis, daß Riva 1992 bei einem Umsatz von 1,2 Milliarden Mark fast zwei Millionen Tonnen Stahl in Italien erzeugte, fast 3000 Mitarbeiter beschäftigte, 60 Millionen Mark Verlust machte und mit 350 Millionen Mark bei den Banken in der Kreide stand. Diese Bankschulden überstiegen das Eigenkapital um nicht mehr als ein Siebtel und sahen kaum beängstigend aus.

Wenn allerdings die Angaben stimmen, daß Riva im laufenden Jahr ohne Eko-Stahl schon 5,5 Millionen Tonnen Stahl erzeugen wird und mit diesen Stahlwerken auf 6,5 Millionen kommen würde, dann heißt das: Weit mehr als die Hälfte der Riva-Produktion findet bereits jetzt außerhalb Italiens statt. Unter diesen Umständen aber sagen die zusammengezählten Daten der italienischen Riva-Bilanzen über die Lage des Konzerns kaum noch etwas aus. Wohl aus diesem Grund hat die Treuhand auch um eine Konzernbilanz für 1993 gebeten. Und Emilio Riva hat erstmals die Vorlage eines solchen Rechenwerks versprochen.

Auch die Europäische Gemeinschaft und der italienische Staat verlangen inzwischen Einblick in die wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse der Riva-Gruppe. Bei der Privatisierung der Stahlproduktion möchte Riva weitere Stahlwerke vom Staat übernehmen. So bewirbt er sich zusammen mit den norditalienischen Unternehmern Rocca und Agarini um die Übernahme des größten italienischen Röhrenherstellers Dalmine, der auch zur Stahlholding Ilva gehört. Für nahtlose Rohre hat die Dalmine seit einigen Wochen mit Usinor-Sacelor und Mannesmann zusammen ein Joint-venture gegründet. Aber Riva will mehr. Zusammen mit der Familie Agarini und den Mailänder Stahlwerken Falck will er Italiens größte Produktionsanlagen für rostfreien Stahl, die Stahlwerke Terni, von der Ilva übernehmen.

Riva, einst armer Schrottschlucker der Nachkriegszeit, ist schon jetzt der größte private Stahlhersteller Italiens. Wenn er weiter expandiert wie bisher, wenn die Geldgeber mitmachen und die Konzernbilanz hält, was Emilio Riva versprochen hat, dann kann er bald auch den führenden Stahlkolossen Europas Paroli bieten.