Von Hansjakob Stehle

Die römische Revolution von rechts alarmiert die anderen Europäer. Mehr als die meisten Italiener. Unterschätzten die italienischen Wähler die Gefahr, daß der Übergang zur "zweiten Republik" in den Untergang einer totalitären Katastrophe münden könnte? Oder ist der Faschismus wirklich so tot, wie sogar seine unternehmungslustigen Hinterbliebenen und geistigen Erben beteuern?

Ähnlich den Genossen im oppositionellen Linksbündnis, die den Kommunismus hinter sich haben, wollen sich auch die Kameraden der Nationalen Allianz nicht als "Neo"-, allenfalls als "Ex"- oder "Post"-Faschisten betrachtet sehen. Ihnen gelang jetzt sogar, wovon die einst mächtige Kommunistische Partei Italiens trotz ihres antifaschistischen verfassungstreuen Alibis auch in den Jahren des "historischen Kompromisses" nur träumen konnte: mit eigenen Ministern in die Regierung einzuziehen.

Möglich machte es Silvio Berlusconi. Weil ihm Gianfranco Fini, der neuliberale Rechtsradikale, nicht nur die nötige Mehrheit verschafft hat, sondern auch noch den dritten, stärkeren und unbequemeren Koalitionspartner, den populistischen Lega-Chef Umberto Bossi, in Schach zu halten hilft. Geschäft ist allemal Geschäft, auch in der Politik. Zumal wenn ein tüchtiger Unternehmer wie Berlusconi die Macht ergreift, die ihm politikverdrossene Wähler zugeschanzt haben. Auch manche guten Christdemokraten, die sich jetzt "demokratische Christen" nennen, sind ja – offenbar ohne Furcht vor dem Geruch des Faschismus – ins rechte Lager übergelaufen. Wie zu Mussolinis Zeiten.

Der Schrei des Entsetzens kam aus dem fernen Straßburg. Noch bevor Berlusconi endlich – nach fast sieben Wochen althergebrachter Kungelei – dem Staatsoberhaupt die Ministerliste präsentierte, wandte sich das Europäische Parlament nicht etwa an die neuen Herren in Rom, sondern unmittelbar an den guten alten Präsidenten Oscar Luigi Scalfaro: Er möge "ganz klar wissen", daß die kommende Regierung Italiens "jenen Grundwerten treu sein müsse, die nach den Greueln des Faschismus und Nazismus die Gründung der Europäischen Gemeinschaft geprägt haben". Kein Wunder, daß sich Scalfaro zornig solche Belehrungen verbat. Zumal nachdem er erfahren hatte, daß der Hinweis auf den Horror der beiden Regime eigentlich aus der Straßburger Resolution gestrichen und in der italienischen Übersetzung nur "versehentlich" stehengeblieben war...

Gegen derlei Ermahnungen regt sich nicht nur der Nationalstolz, der in Italien jede Vergangenheit, auch die unbewältigte, überlebt; sie können sogar fördern, was sie verhindern wollen. Diese Peinlichkeit spiegelte sich selbst noch im Pathos, mit dem Scalfaro dann doch am vorigen Sonntag "einen heiligen Eid auf die Demokratie" forderte: Italien bedürfe der Achtung Europas. Sie aber steht auf dem Spiel, wenn ein Altfaschist Minister wird, der Italiens Ostgrenze und die Südtiroler Autonomie revidieren möchte; wenn ein ehemaliger rechtsradikaler Terrorist für die Europawahlen kandidiert. Und wenn Fini keinen eindeutigen Trennungsstrich zum Regime jenes Diktators zu ziehen vermag, den er – "ich schwöre" – nun wenigstens nicht mehr den größten Staatsmann des Jahrhunderts nennen will.

Gleichwohl muß vor einer Überschätzung der Gefahr gewarnt werden. Fini ist kein Mussolini, nicht einmal ein Schönhuber oder Le Pen – und Berlusconi kein Hindenburg. Auch der Duce, der Italien ins Bündnis mit einem Massenmörder führte, war Italiener und schon deshalb kein Hitler. So wie Kommunismus "auf italienisch" ein unbegründeter Alptraum westlicher Staatskanzleien war, ist auch der Neofaschismus mehr Phantom als Wirklichkeit. Was Italien wirklich bedroht, ist nicht eine neue "Mussolini-Mode", sondern das alte Modell seiner Ungewißheiten. Dank seiner menschlichen – und allzu menschlichen – Eigenschaften hat es sie allemal überlebt. Für ein Europa, das erst zusammenwachsen muß, ist dies kein Trost. Aber es könnte Anlaß sein, über die historische – nicht moralische – Relativität politischer Systeme nachzudenken.