Wenn es ein Land in Europa gibt, in dem gerne mit Einsatz gespielt wird, dann ist das Großbritannien. Hunderennen, Pferderennen, Fußballmeisterschaften, Wahlen – zu fast allem lassen sich Wetten abschließen. Nirgendwo, in Europa ist Bingo so populär wie auf der Insel, und risikofreudige Sparer nehmen beim Kauf bestimmter Bonds an der Verlosung von Prämien teil. Nur eine Lotterie im großen Maßstab, die gibt es nicht.

Die Brüder Gerhart und Jörg Schindler erspähten die Lücke. Als Mitarbeiter der Süddeutschen Klassenlotterie (SKL) witterten sie ihre Gewinnchance und verschickten per Post von den Niederlanden aus an 20 000 britische Bürger das Angebot, Lose der 87. Ausgabe der SKL zu kaufen – Bestellformular und Rückumschlag beiliegend.

Pech für das findige Bruderpaar: Schon in Dover, auf der anderen Seite des Ärmelkanals, wurden die Briefe abgefangen und beschlagnahmt. Die britische Zollbehörde konnte sich auf ein Gesetz von 1976 berufen, das zwar Glücksspiele erlaubt, aber Lotterien ausdrücklich verbietet. Damit, so die Zollbehörde Ihrer Majestät, darf auch keine Werbung für eine ausländische Lotterie ins Land, egal ob aus der EU oder nicht.

Das wollten sich die Schindlers nicht bieten lassen und zogen vor Gericht. Im Zeitalter des Binnenmarkts

Zeitliches aus Brüssel mit seinem freien Verkehr für Waren und Dienstleistungen mußte es doch möglich sein, deutsche Lotterielose nach Großbritannien zu verkaufen. Selbst der Londoner High Court war seiner Sache nicht sicher und bat den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg um Klärung.

Die Euro-Richter stellten zunächst einmal klar, daß eine Lotterie sehr wohl eine wirtschaftliche Tätigkeit ist und somit unter die Römischen Verträge fällt. Genauer: Es handelt sich um eine Dienstleistung, die (so die Richter) "wie der Amateursport für die teilnehmenden Spieler einen unterhaltenden Charakter haben kann". Logischer Schluß: Es muß möglich sein, in Großbritannien für eine deutsche Lotterie zu werben.

Wenn aber wie in Großbritannien ein Gesetz Lotterien generell verbietet? Dann liegt zwar keine Diskriminierung von Ausländern vor, weil Inländer ja genauso betroffen sind. Aber das Verbot ist dennoch widerrechtlich, so die Einsicht in Luxemburg, weil ausländischen Anbietern der Zugang zum britischen Kunden verwehrt wird. Und das verstößt gegen die Dienstleistungsfreiheit.