Von Benjamin Henrichs

Zwei Männer am falschen Ort, auf verlorenem Posten. Dabei müßten sie doch die Glücklichsten sein: Prospero auf seiner Zauberinsel, Antonius in Ägypten, bei seiner königlichen Geliebten, die er "Zauberin" nennt. Sie sind den öden Geschäften des wirklichen Lebens, den bösen Machenschaften der Politik entkommen. Sie haben ihr Utopia, ihr Paradies gefunden: Prospero das Luftreich der Geister, Antonius den Sonnenstaat der Liebe. Und doch möchten sie nichts wie weg, so schnell wie möglich.

Prospero ist das "grause Zaubern" leid, Antonius hat die ewigen Feste der Wollust satt. In seiner unsterblichen Liebesaffäre hat die Zeit der profanen Lügen begonnen. "Keine Minute unseres Lebens soll jetzt ohne Lust vergehen", schwärmt der Römer im Angesicht seiner schönen Orientalin. Doch kaum ist sie weg, sagt er kurz und herzlos: "Hätt’ ich sie nie gesehen!"

Das Phantom des Glücks: Prospero hat es auf seiner Insel so wenig gefunden wie Marc Anton in seinem Ägypten. Jetzt sind die Herren alt geworden und reichlich bitter. Jetzt wollen sie zurück: Prospero nach Mailand, von wo man ihn verjagt hat, Antonius nach Rom, in die Männerwelt der Politik und der Kriegskunst. Es ist ausgezaubert: Die Liebe ist ein Fieberwahn gewesen, die Magie nichts als ein Schrecken.

Das Leben war eine Reise, jetzt kommt die Heimkehr. Doch zurück ins Leben führt sie nicht. Prospero hat in Mailand nicht mehr viel vor: "Jeder dritte Gedanke" dort soll der Tod sein. Antonius, in seiner letzten Schlacht vernichtend geschlagen, stürzt sich ins Römerschwert. Sein letzter Liebesakt, eine finale Vermählung: "Nun will ich sein ein Bräutigam dem Tod!"

"Der Sturm" ist eine Zauberkomödie, "Antonius und Cleopatra" ein römisch-ägyptisches Trauerspiel. Der Abstand ist gewaltig – doch die gründlich verfinsterten Helden der Stücke wissen davon scheinbar nichts.

Thomas Holtzmann ist der Prospero in Dieter Doms "Sturm"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen. Ein knochiger, hünenhafter Mann, der Körper gekrümmt, das Gesicht grandios zerklüftet und verwittert.