BERLIN. – Das nationale Holocaust-Denkmal wirft, bevor noch die ersten Entwürfe bekannt sind, einen Schatten voraus, vom Zentrum in die Berliner Peripherie. In der letzten Woche schlug der Generalsekretär der CDU, Dieter Ernst, vor, „die Entscheidungen über weitere Bezirksdenkmäler zurückzustellen“, da sich schließlich Bundesregierung und Senat über das zentrale Denkmal für die ermordeten Juden geeinigt hätten. Er meinte aber in Wirklichkeit nicht „weitere Bezirksdenkmäler“, sondern das Denkmal im Berliner Bezirk Steglitz. Für dieses Projekt wünschte er ein Moratorium, um die „für Deutschland und Berlin wichtige Frage der Denkmalsgestaltung mit notwendigem Ernst und einer möglichst breiten Beteiligung der Steglitzer Bevölkerung zu diskutieren.“

Selbst für den halbwegs Informierten ist diese Erklärung der pure Hohn. Seit zwei Jahren hat der Bezirk gar kein anderes Thema. Bezirksverordnetenversammlungen, Anhörungen, Leserbriefkampagnen, Umfragen, Proteste der Kirchen, Flugblätter von Schülern – breiter konnte die Beteiligung der Bevölkerung gar nicht sein. Allein, der „notwendige Ernst“ ist längst schon umgeschlagen in Fassungslosigkeit und Erbitterung.

Ein „Denkzeichen“ zur Erinnerung an die Judenvernichtung sollte errichtet werden. Allein, die Bezirkspolitiker setzten zunächst einmal Zeichen der Gedankenlosigkeit. Diese neuere Geschichte begann 1987, als eine „Initiative Haus Wolfenstein“ sich mit dem Bethaus beschäftigte, das der Steglitzer Kaufmann Moses Wolfenstein im letzten Jahrhundert im Hinterhof seines Hauses einrichtete. Dieses Gebäude am Hermann-Ehlers-Platz, das bis 1939 eine Synagoge beherbergte, überstand den Krieg und sollte zur Gedenkstätte gestaltet werden. Der Bezirk verspielte damals durch einen bornierten Streit mit dem Grundstückskäufer die Chance, den Ort in öffentlichen Besitz zu verwandeln. Er ist seitdem der Öffentlichkeit entzogen. Als nun der Bezirk zum dritten Mal ansetzte, den stadtplanerisch mißlungenen Hermann-Ehlers-Platz zum urbanen Platz zu verwandeln, wurde 1992 auch ein Wettbewerb für jenes „Denkzeichen“ ausgelobt. Die Preisträger – Wolfgang Göschel und Joachim von Rosenberg – schlugen eine Spiegelwand aus Edelstahlplatten vor. Auf ihr sollten 2000 Namen Steglitzer Juden aus den Deportationslisten eingeprägt werden.

Diese Spiegelwand blendete von Anfang an die Bezirkspolitiker, das heißt eine Mehrheit von CDU, FDP und Republikanern. Sie sei zu groß, „stadträumlich“ unverträglich; sie gefährde die Autofahrer, passe nicht zum Wochenmarkt; und außerdem: Eine solche Wand würde die Hakenkreuzschmierer anziehen. Diese Ablehnungsargumente wurden von der Mehrheit der Bezirksverordneten, vom Baustadtrat und vom Bezirksbürgermeister Weber mit wachsender Verbissenheit wiederholt. Die Größe der Spiegelwand wurde heruntergehandelt, von elf auf neun, schließlich auf sieben Meter. Dann hätte man die Namen der Deportierten nicht mehr entziffern können. Die Künstler weigerten sich, und die Presse sprach vom Steglitzer „Gedenkmeter“. Der Skandal zog seine Bahnen. Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, sprach davon, daß die Steglitzer Politiker sich verhalten würden, als gehe es um ein „Telephonhäuschen“.

Prompt bekam Bubis empörte Anrufe von Bezirksverordneten, die ihn belehrten, das Aufstellen eines Telephonhäuschens sei Sache der Telekom und nicht des Bezirks. Man sei doch kein Antisemit, wenn man gegen die Spiegelwand sei, lautet das Standardargument.

Nicht in der Spiegelwand, sondern im puren Begriff des Spiegels selbst spiegelte der Bezirk sich längst; ein Erfolg, den die Spiegelwand kaum wiederholen kann. Die Selbstvivisektion des realexistierenden Bezirksbewußtseins gipfelte in einem Gegenvorschlag der FDP: Auf einer kleinen (spiegelfreien) Gedenktafel sollte an die Chronologie der Synagoge erinnert werden. Drei Druckseiten von Daten werden vorgeschlagen. Die Elektrifizierung der Synagoge (1915), die Nutzung des Obergeschosses als Schuhwarengeschäft (1919/23) – 1941, ja, da heißt es lakonisch: „Beginn der Deportation von Menschen, die durch die nationalsozialistischen Rassengesetze zu Juden gestempelt worden sind.“ Kein Steglitzer Ereignis also.

Am 18. Mai wollte die Bezirksverordnetenversammlung endgültig entscheiden. Der Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) mochte die Vollendung des Skandals nicht abwarten. Er zog das Verfahren wegen Gefährdung „des Ansehens Berlins“ an sich. Die praktische Umsetzung des Projektes ist eingeleitet. So bleibt den Gegnern der Spiegelwand nichts übrig, als die Grundsatzdiskussion über das zentrale Holocaust-Denkmal gegen das Bezirksprojekt auszuspielen. Ohnehin fällt schon ein Reflex dieses Spiegels auf den nationalen Ort des Gedenkens. Klaus Hartung