Nach der Mittagspause hatte der Reichstag sich geleert. Ein Teil der Parlamentarier war am Mittwochnachmittag voriger Woche schon abgereist. Die letzte Anhörung der Enquete Kommission zur Aufarbeitung der SEDDiktatur ging ihrem Ende zu, als sich unerwartet der Blickwinkel öffnete. Das Wort ergriffen hatte Waclav Dlugoborski, Historiker aus Krakau und Kurator des Auschwitz Museums. In einem weichen Deutsch - die Sprache erlernte er als Sechzehnjähriger im Lager Auschwitz - lobte er die vorbildliche Arbeit der Kommission. Dann aber sprach er über die Rolle der DDR im Ostblock, über ihren Anspruch, den "besseren Sozialismus" zu entwickeln, über ihre "außenpolitische Härte". Er zitierte die Wahrnehmung der Osteuropäer, für die der "echte Bruch" zwischen den "braunen und roten Deutschen" nicht erkennbar gewesen sei. Das waren, für sich genommen, keine neuen Erkenntnisse. Aber in ihrer artikulierten Konsequenz wendeten sie beinahe schockartig die Perspektive.

Plötzlich erschien der deutsch deutsche Kömmissions Streit um Kontinuität und Diskontinuität beider deutscher Diktaturen, um die Rolle der Stasi Akten, um die Dissonanz zwischen Entspannungspolitik und Bürgerrechtsbewegung allzu selbstbezogen, ja beinahe autistisch. Auch die Westdeutschen, die sich mit Neugier und Abscheu in den moralischen Labyrinthen des Stasi Staates bewegen, vergessen leicht, daß die DDR Vergangenheit eben nicht nur ein innenpolitischer Rest ist, der auf dem Wege zur inneren Einheit bewältigt werden muß. Das vereinte Deutschland hat auch die außenpolitische Erbschaft der DDR gegenüber den osteuropäischen Nachbarn angetreten. Für ihren Einspruch hatte die Enquete Kommission noch kein Sensorium entwickelt.

Diese Feststellung beschreibt nicht so sehr einen Mangel der Kommission als einen ihrer immer wieder überraschenden Erfolge. Daß ihre Arbeit unter dem Druck der parteipolitischen Engführung stand, war unvermeidlich. Natürlich ging es stets - andeutungsweise oder offen, gehässig um die Frage, wer der Herr über die Geschichtsschreibung der deutschen Einheit ist und mithin legitim die Partei der Einheit vertreten darf. Jürgen Habermas, am Mittwoch als Sachverständiger geladen, sprach vom Streit "um die Interpunktion der Zeitgeschichte".

Die innenpolitische Streitdisposition begleitete die vor zwei Jahren eingesetzte Kommission durch alle ihre 76 Anhörungen. Ostpolitik oder Status quo Politik, Entspannung oder Komplizenschaft mit dem Unrechtsstaat - das waren die Grenzen des Terrains, um das die Parlamentarier bei ihren Fragen, bei der Wahl der Gutachter und Referenten stritten. Die "Überpolitisierung" beklagt nicht nur der Historiker Bernd Faulenbach, den die SPD benannte Ähnlich äußert sich auch der Kommissions Vorsitzende Rainer Eppelmann. Selbst bei der letzten Anhörung wollte die CDU Jürgen Habermas nur dann akzeptieren, wenn ein intellektuelles Gegengewicht garantiert sei. Man dachte - wenig überraschend - an Ernst Nolte. Am 17. Juni soll der Abschlußbericht vorliegen. Aber daß man sich auf gemeinsame Texte zum Thema Deutschlandpolitik einigen könnte, erwartet niemand.

Es wäre jedoch verfehlt, die Kommission am gewiß übergewichtigen Abschlußbericht messen zu wollen Überhaupt muß man die Kommission gegen ihre eigenen Schwächen verteidigen. So offensichtlich auch die Hegemonie westdeutscher Begriffswelten und Fragestellungen dominierte und so unvermeidlich der ostdeutsche Selbstverständigungsprozeß in den Sog der Debatten aus den siebziger Jahren der alten Bundesrepublik geriet - die Dynamik der Diskussion ist damit nicht beschrieben. Es war vielmehr eine institutionalisierte Auseinandersetzung mit der Bürgerrechtsbewegung, verstetigt durch den parlamentarischen Auftrag. Selbst wenn DDR Dissidenten wie Martin Gutzeit, Angelika Barbe, Stephan Hilsberg und Gerd Poppe nur noch den Kopf schüttelten, verbittert schwiegen oder sarkastisch nachfragten - ihre Reaktionen zersetzten die westdeutsche Selbstgerechtigkeit oder hielten den unerledigten Gegensatz fest.

In der letzten Anhörung waren die Historiker und Philosophen geladen zum Vergleich der beiden deutschen Diktaturen. Es zeigte sich, daß die alten Fronten und Begriffsordnungen aus dem Historikerstreit sich bei der Auseinandersetzung mit dem SED Unrecht verwirren. So unstrittig die Unterschiede zwischen NS Diktatur und DDR waren, bitter geriet der Streit um die Sprache der Differenz.

Der Berliner Sozialhistoriker Jürgen Kocka verteidigte - bei allen Relativierungen - die sozialwissenschaftliche Kritik am Totalitarismusbegriff. Er habe den Blick auf die Alltagssoziologie verstellt. Sie konnte nur dann von Gewicht sein, wenn man den Unterschied zwischen beiden deutschen Diktaturen bis zum Gegensatz verschärfte. So akzentuierte Kocka die notwendige Radikalisierung der Vernichtungsthematik des Nationalsozialismus gegenüber der immanenten Zweckrationalität des DDR Systems.

Am nächsten Tag formulierte Habermas den zentralen Konflikt r nicht nur dieser Debatte, sondern auch der Kommission selbst: Ein Unrechtssystem hinterlasse "das legitime Bedürfnis nach Genugtuung". Alles andere würde in eine moralische Verödung führen. Aber es sei notwendig, die Gerechtigkeitsfrage und die Frage der Entwicklung demokratischen Bewußtseins auseinanderzuhalten.

Daß dies keine Sache sauberer Definitionen, sondern der Kern des deutsch deutschen Streites sein muß, zeigte sich am Ende der Anhörung. Der DDR Oppositionelle und Schriftsteller Jürgen Fuchs - zu seiner eigenen Überraschung als Referent geladen - antwortete auf Habermas mit einem "Paukenschlag", wie es einer der Teilnehmer nannte "Als ich die vielen klugen Gedanken hier hörte", dazu bestimmt, sich fortzusetzen in "Diplomarbeiten, Dissertationen, Habilitationen, progressiv und kritisch, provozierend und erklärend, begriff ich plötzlich, daß wir verloren haben "

Wir - die Bürgerrechtler, Dissidenten, Opfer. Seine Verzweiflung lief an gegen eine Situation, die man sich besser "nicht wünschen" könne. Die Gewalt sei vorbei, die Mauer weg, und Schulklassen verfolgten hier im Reichstag die Analysen des Unrechts, "lachend, tuschelnd, mitschreibend". Jürgen Fuchs beklagte die "Kälte" des westdeutschen Demokratieverständnisses, welche die Schlußstrichzieher und die Helfer, die kleinen und großen Stolpes schütze, die immer das Beste wollten und auch bekommen haben.

An Habermas gewandt ("freie Denker und unabhängige Linke wie ihn haben wir verschlungen"), forderte Fuchs: "Ihr sollt in Augenhöhe mit uns sprechen" - nicht als Supervisoren. Eine Antwort vor allem klagte er ein: "Warum habt ihr koexistiert?"

Und Jürgen Habermas antwortete, offen, selbstkritisch. Seine Reaktion bedeutete mehr als einen versöhnenden Abschluß. Es war so etwas wie die Eröffnung einer Debatte "Beeindruckt" von den Bürgerrechtlern, sprach er vom "Generationenkonflikt" zwischen der westdeutschen Linken, die durch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sozialisiert wurde, und den Dissidenten. Er konzedierte "linke Einäugigkeiten gegenüber dem bürokratischen Sozialismus" und ihre Verwurzelung in den innenpolitischen Feinderklärungen der sechziger Jahre. Jetzt erst - nach 1989 - sei ein "antitotalitärer Konsens" in Deutschland möglich.

Aber, ein beruhigendes Resümee war diese These von Habermas nicht. Im vereinten Deutschland, fuhr er fort, fehle "eine symbolisch wirksame Anerkennung der Bürgerrechtler und der emanzipatorischen Erneuerung", zu der sie beitrugen. Bei aller Einschränkung sprach Habermas von einem "Äquivalent zum 20. Juli". Es habe aber Jahrzehnte gedauert, bis dieses Datum auf der westdeutschen Agenda stand.