Wenn es die kleine Werkgruppe Prora nicht gäbe, lauter engagierte Kenner, wäre Prora noch immer das, was es bisher war, ein verdrängtes Monstrum an der Ostküste Rügens. Prora war von den Nazis als "größte? Strandbad der Welt" für 20 000 Urlauber der Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" (KdF) errichtet, dann von der DDR in ein militärisches Ausbildungslager umgewandelt worden, jahrzehntelang streng bewacht, für manche ein heute noch unheimliches Terrain (siehe ZEITmagazin Nr. 17/1994).

Nicht alle geplanten, aber die charakteristischsten Gebäude waren im Rohbau errichtet worden, darunter der größte Teil der Bettenhauswand, die sich zwischen Binz und Saßnitz kilometerlang am schönsten Ostseestrand erstreckt. Auch wenn man sie nirgendwo im ganzen sehen kann, auch wenn sie achtzig Meter vom Meer entfernt längst hinter einem zauberhaften lichten Dünen-Nadelwald verschwindet, bleibt niemand von der Wucht des Bauwerkes unberührt. Man kann es so wenig schleifen wie die Reichsparteitags-Ruinen Nürnbergs: Prora ist ein (unterdessen geschütztes) Geschichtsdenkmal.

Wie damit umgehen? Der Bund hat die Frage, ohne kompetente Leute zu konsultieren, längst für sich beantwortet: teuer verkaufen, kommerzialisieren, auch wenn es die gesamte Insel in Mitleidenschaft zieht. Zwar liegt die Planungshoheit bei der Gemeinde Binz: Der Bund hingegen, vertreten durch die Oberfinanzdirektion Rostock, ist der Eigentümer. Er will keine Planer, die erst überlegen, er will einen Großinvestor, der zahlt und zuschlägt; er will das Terrain als Ganzes vergeben und es weder nach und nach noch den bisherigen Nutzern verkaufen. Nach alter Treuhand-Praxis hegt der Bund keinerlei kulturelles Interesse; Verantwortung im Umgang mit einem Relikt unserer Geschichte ist nicht bemerkbar. Ihn interessiert nur, das Ding loszuwerden. Hundert Millionen soll es bringen.

Schon gibt es Verhandlungen mit Interessenten – ohne planungsrechtliche Grundlage, die die Kommune vor der Willkür des Investors zu schützen vermöchte. Einzige Vorlage ist eine von ihr eingeholte, bemerkenswert oberflächliche Nutzungsstudie einer dänischen Architekturfirma. Sie geht rücksichtslos gegen Natur und Folgen für die Inselbewohner allein den kommerziellen Erwartungen nach. In der Mitte plant sie als "Hauptattraktion" einen riesigen palmenumwedelten "Aquapark" mit "Spaßbad", daneben zwei große Sporthallen, ein Schwimmbad, Sportplätze sowie alles, was zwischen Banken und Boutiquen für eine Tourismus-Maschine als notwendig gilt. Geplant ist wie zu Nazizeiten für 20 000 Leute und genauso axial-symmetrisch: keinerlei Reflexion darüber erkennbar, auch nicht über die lässig hingestreuten 15 000 Parkplätze. Zeigt nicht ein Besuch in den Londoner Docklands, was Großinvestoren anrichten, wenn man ihnen freie Hand läßt?

Das kleine Binz würde es wie die ganze Insel schwerhaben, der faktischen Macht der neuen Herrschaft und ihren Ansprüchen zu widerstehen: Wer Prora hat, hat Rügen; der verlangt vierspurige Straßen über die Insel, zweistöckige Kreuzungen, reißt ab, baut hinzu, wo er nur kann.

Gegen all das bäumte sich jetzt ein Symposion auf, zu dem die Werkgruppe Prora (mit Jürgen Rostock, dem Initiator, Mitverfasser eines gescheiten Buchs über den Ort), der Verein Insula Rugia, die Stiftung Neue Kultur und andere gerufen hatten. Einmütig beschlossen sie, der Oberfinanzdirektion die Stirn zu bieten und die Politiker, vor allem die Ämter, zur Besinnung zu bewegen und Forderungen zu stellen, nämlich: endlich offen und öffentlich darüber zu reden; endlich kompetente Bürger, Umwelt- und Tourismusforscher, Mediziner, Denkmalpfleger, Architekten und Städtebauer zu beteiligen, kurzum, über das Projekt erst einmal nachzudenken, ein mannigfaltiges Nutzungsprogramm zu entwerfen und die Planungsprozedur vorzubereiten. Ehe Prora einem Großinvestor überlassen wird, muß die Gemeinde ihre Bauleitplanung bis zum präzise formulierten Bebauungsplan vorbereiten. Wie sonst sollten sich Stadt und Kreis gegen den Bund und einen übermächtigen Investor durchsetzen können, um mit dem Alten etwas Neues zu entwickeln? Einen Ort, wo gewohnt, gearbeitet, geheilt, geforscht und in einem Museum die KdF-Geschichte – Proras Geschichte – dargestellt wird, einen Begegnungs- und Erholungsort, der auch sein Meerwasserschwimmbecken erhalten und eines Tages, wie vom Prora-Architekten Clemens Klotz (1886 bis 1969), der den Komplex ausdrücklich im Stil der klassischen Moderne entworfen hatte, weiß erstrahlen sollte.

Die bisherige Prozedur hat diffamierende Züge. Das Symposion liege, fand Bonn, nicht im Interesse der Bundesrepublik, es störe die Geschäftsverhandlungen, das Innenministerium verweigerte seinen Zuschuß. Demokratie? Diskussion? Denkende Mitarbeit des Souveräns? Beteiligung der Rügener Bürger? Ein Störfaktor für das große Geschäft mit 220 Hektar gehaßter Geschichte – einem Projekt von nationaler Bedeutung.

Manfred Sack