DIE ZEIT: Frau Hamm-Brücher, 1989 war das Jahr der großen Veränderung – inzwischen fragt man sich eher besorgt, welche Richtung eigentlich die vereinigte Republik nimmt. Was hätten Sie sich gewünscht, was wünschen Sie sich?

Hildegard Hamm-Brücher: Ich hätte mir gewünscht, daß wir aus der Erfahrung West ebenso lernen würden wie aus der Erfahrung Ost. In diesem Wunsch steckte mein Traum, der sich – wie so oft bei Träumen – dann als ziemlich illusionär herausgestellt hat. Es konnte wahrscheinlich nicht anders sein, ich gebe es zu, aber wir haben meines Erachtens eine wichtige Chance verspielt, einen Moment anzuhalten und zu sagen: Das ist bei uns gut, das entwickelt sich nicht gut, und das müssen wir unbedingt bei dieser Gelegenheit ändern. Wir im Westen dachten aber: Na schön, jetzt müssen wir eine Zeitlang Solidaritätsbeitrag zahlen, und im übrigen sollen die beigetretenen "Ossis" das so machen wie wir. Daß das Menschen sind, die unter Umständen mit unseren Befindlichkeiten, mit unseren Errungenschaften ganz und gar nichts anfangen können – die Mühe, sich darauf einzulassen, die haben sich die meisten "Wessis" gar nicht erst gemacht.

ZEIT: Auch die Bundesrepublik war nur eine Nische, und jetzt ist das Zimmer der Geschichte leer, sagen heute viele. Was ist für Sie bewahrenswert? Welche Erbschaft muß man verteidigen?

Hamm-Brücher: Unsere "Nische" hat immer wieder hervorragende und auch vorbildliche Demokraten hervorgebracht, wir haben schwierige Krisen ganz gut gemeistert und es ist gelungen, die Deutschen mit der Demokratie zu versöhnen. Was allerdings auch immer mit Wirtschafts- und Wohlstandszuwachs verbunden war. Das müssen wir unter schwierigeren Bedingungen nicht nur verteidigen, sondern ganz offensiv weiterentwickeln.

ZEIT: Das Argument zielt noch weiter. Michael Stürmer, Joachim Fest und andere argumentieren, die vierzig Jahre seien eigentlich ein Sonderweg gewesen, und die Bundesrepublik könne erst jetzt normal werden. Sehen Sie das auch so?

Hamm-Brücher: Es war insoweit ein Sonderweg, als wir Deutschen uns endlich darauf besonnen haben, daß Demokratie und ein freiheitliches Zusammenleben nach zweimaligem Scheitern – wenn Sie 1848 auch noch dazunehmen – einen neuen Weg erforderten. Wenn ausgerechnet das jetzt als ein Sonderweg der alten Bundesrepublik gesehen wird, dann steuern wir aber auf eine ganz gefährliche, rückwärts gewandte Tradition zurück.

ZEIT: Sieht die Politik das klar genug?