Als in der vergangenen Woche der Startschuß für die somatische Gentherapie in Deutschland fiel, begann sogleich der Wissenschaftlerstreit. Nachdem der Freiburger Genforscher Roland Mertelsmann bekanntgegeben hatte, daß er zum ersten Mal zwei Krebspatienten mit erbgutveränderten Zellen behandelt habe, zogen wenige Stunden später Berliner Wissenschaftler nach und meldeten, ihnen gebühre eigentlich der Siegerkranz im Wettforschen. Burghardt Wittig vom Klinikum Rudolf Virchow teilte mit, er habe einen Patienten mit Nierenzellkrebs bereits sechs Wochen lang mit gentechnisch vermehrten "Killerzellen" therapiert. Mertelsmann bleibt immerhin der Ruhm, als erster deutscher Forscher eine Genehmigung für einen gentherapeutischen Versuch erhalten zu haben (siehe ZEIT Nr. 11). Sowohl die Berliner als auch die Freiburger Forscher waren sich allerdings einig, daß der neue Therapieversuch keine Wunderheilungen verspricht. Gentherapie sei nur als Ergänzung zu einem "integrativen Konzept" zu sehen, dämpfte Mertelsmann die Hoffnungen. Und die tumorzerstörenden Zellen, die Wittig seinem schwerkranken Patienten eingespritzt hatte, bremsten zwar das Wachstum der Krebsgeschwülste - für den Kranken besteht gleichwohl kaum Hoffnung.

Doch in aussichtslos erscheinender Lage greift der Mensch nun einmal nach jedem Strohhalm. Und den Strohhalmen Gendiagnose und therapie dichten Wissenschaftler und Medien derzeit eine übertriebene Stabilität an, wenn sie den Eindruck erwecken, jedes neu entdeckte Gen ziehe "in nicht allzu ferner Zukunft" auch eine entsprechende Therapie nach sich. Beileibe nicht für jedes diagnostizierte Erbleiden steht auch eine entsprechende Behandlung bereit (siehe Graphik). Hoffnungen auf eine Heilung durch Gentherapie gibt es nur in einigen wenigen Fällen (Beispiel zystische Fibröse). Bei anderen Krankheiten dagegen sind zwar die genetischen Ursachen mittlerweile bekannt, aber eine Therapie ist nicht in Sicht (Beispiel Chorea Huntington). Und wieder andere Leiden möchte man mit gentechnischen Mitteln bekämpfen, ohne konkret zu wissen, ob ein Gendefekt vorliegt (Beispiel Krebs).

Die erste Krankheit, bei der die genetische Diagnose den Weg zur genetischen Therapie ebnete, war die seltene, angeborene Immunkrankheit ADA. Auch an der weitverbreiteten Zystischen Fibröse (CF) versuchen sich die Gentherapeuten. Bei der CF Krankheit verhindert ein defektes Gen die Verflüssigung des schleimigen Sekrets in den Atemwegen oder den Drüsenausführungsgängen der Bauchspeicheldrüse. Englische Forscher bemühen sich derzeit, eine korrekte Genkopie in die verstopften Lungen der Erkrankten zu schleusen. Nicht die Herstellung der Gene im Reagenzglas ist das Problem, sondern ihre Zuführung. So sollen winzige Fetttröpfchen (Liposome), die mit einem Spray in die Lunge gepustet werden, die Arbeit leisten. Auch mit einem harmlosen Stamm des Adenovirus versuchen amerikanische Wissenschaftler, kopierte Gene in die Lungenbläschen zu bringen. Die Viren werden aber bei mehrfachen Inhalationen vom Immunsystem attackiert, was zu allergischen Entzündungen führen kann.

Wo eine solche, auf die Ursache zielende Behandlung nicht möglich ist, läßt sich manchmal mit einer symptomatischen Behandlung das Leiden lindern. Bei der erblichen Hypercholesterinämie hilft eine Diät, bei der Zuckerkrankheit Insulin. Für die fünf bis zehn Prozent Frauen, die aus einer Familie mit gehäuftem Brustkrebs stammen, hat die voraussagende Gendiagnostik jedoch eine erschütternde Konsequenz. Sie müssen sich früh, etwa als Fünfundzwanzigjährige, mit dem Entschluß quälen, ob sie sich Brustdrüsen und Eierstöcke entfernen lassen, um von späteren möglichen Leiden verschont zu bleiben.

Auch andere stellt die zuverlässige prädiktive Gendiagnose vor bittere Entscheidungen: Noch scheinbar gesunde junge Männer und Frauen stehen vor der Frage, ob sie auf Nachwuchs verzichten, weil sie die Veitstanzgene in sich tragen, an denen sie im Alter von vierzig bis fünfzig Jahren erkranken werden.

Auch die zum frühen Tode führende TaySachs Krankheit der Kinder von aschkenasischen Juden in Brooklyn kann nicht behandelt, aber diagnostiziert werden. Das weitverbreitete Gen hat bei den orthodoxen jüdischen Familien zu einer aus der Not geborenen dramatischen Maßnahme geführt: Heiraten dürfen nur jene Paare, deren Gentests ergeben haben, daß das tödliche Gen nicht in beiden Partnern vorhanden ist. Binnen eines Jahres nach Einführung des Tests sind Tay Sachs Erkrankungen in Brooklyn selten geworden.

Für die erbliche Muskeldystrophie stellt sich das Problem anders: Wie soll das korrigierte Gen in die Abertausende von betroffenen Muskelzellen gelangen? Selbst wenn es möglich wäre, das Gen in jede Zelle zu injizieren, so würde es wegen seiner Größe in den zum Transport benutzten Viren keinen Platz finden. Wissenschaftler wollen jetzt versuchen, das Gen auf die für den Transport passende Größe zu kürzen, um damit wenigstens eine Umwandlung der Duchenneschen Muskeldystrophie in die etwas mildere Form der Beckerschen Muskelschwäche zu erreichen. Für die Patienten bedeutet dies allerdings nur einen Aufschub. Dann tritt der Tod an Atemschwäche nicht mehr im dreißigsten, sondern im vierzigsten Lebensjahr ein.