Von Michael Lüders

Den Erstschlag führte die südjemenitische Luftwaffe am Donnerstag voriger Woche: Bomben auf den Flughafen der Hauptstadt Sanaa und den Präsidentenpalast. Die Antwort folgte umgehend: Nordjemenitische Kampfflugzeuge bombardierten den Flughafen der ehemaligen südjemenitischen Hauptstadt Aden, die Raffinerie und den Hafen. Präsident Ali Abdallah Salih, ein Nordjemenit, entließ sämtliche südjemenitische Minister und verhängte den Ausnahmezustand. Verhandlungen über einen Waffenstillstand lehnt er bislang ab. Er will den Kopf seines südjemenitischen Widersachers, des bisherigen Vizepräsidenten Ali Salim al-Baydh. Das Kriegsziel des Präsidenten ist die bedingungslose Kapitulation des Südens.

Vier Jahre nach der staatlichen Vereinigung des Nord- und des Südjemen am 22. Mai 1990 zerfällt das Land in einem blutigen Bürgerkrieg. Eine politische Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. Jeder Kompromiß, jedes Nachgeben wäre für beide Kontrahenten ein empfindlicher Gesichtsverlust, der in der jemenitischen Stammesgesellschaft gleichbedeutend ist mit Machtverlust.

Heute ist es kaum mehr zu glauben, aber der Jubel der Jemeniten über die Einheit war unbeschreiblich gewesen. Doch wuchs nicht zusammen, was historisch zusammengehört. Viel zu groß sind die Unterschiede der Mentalitäten. In der kargen, abgeschiedenen Bergwelt des Nordjemen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Dort leben die Menschen heute nicht viel anders als vor tausend Jahren – abgesehen von der Motorisierung. Der Südjemen dagegen, insbesondere sein politisches und wirtschaftliches Zentrum Aden, ist traditionell weltoffener, unterhielt immer Handelsbeziehungen mit Afrika, Europa, dem Fernen Osten. Der religiöse Konservatismus des Nordens findet sich daher im Süden nur in den entlegenen Provinzen, weit entfernt von der Macht.

Vordergründig stand nach der Vereinigung alles zum besten. Der Jemen hatte die freieste Presse der arabischen Halbinsel, es gab Parteienvielfalt und im April vorigen Jahres leidlich faire Parlamentswahlen. Doch der Fortschritt war offenbar Fassade. Politik im Jemen, ob Nord oder Süd, ist Stammespolitik, der Staat bleibt Nebensache.

Die Einheit kam zustande, weil der Südjemen, der einzige marxistische Staat der arabischen Welt, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine Alimente mehr aus Moskau erhielt. Das Land war bankrott, und die Einheit mit dem Norden bildete den einzig möglichen Fluchtweg nach vorn für Ali Salim al-Baydh, der 1986 selbst durch einen Bürgerkrieg im Südjemen an die Macht gekommen war. Ali Abdallah Salih wiederum, Präsident des Nordjemen und dann des vereinigten Jemen, sah den Süden von vornherein als Beute, vor allem mit Blick auf die vermuteten Ölreserven.

Da Ali Salim al-Baydh mächtige Stämme im Süden vertritt, überstand er zunächst die Vereinigung politisch – anders als in Ostdeutschland gab es keine Zäsur, keinen Bannstrahl für die Mitglieder des südjemenitischen Regimes. Die Modalitäten der jemenitischen Einheit, übertragen auf deutsche Verhältnisse, ergäben folgendes Bild: Erich Honecker wäre Stellvertreter Helmut Kohls, jeder Minister der Regierungskoalition hätte einen SED-Stellvertreter, Einheiten der NVA wären in Westdeutschland stationiert wie Truppen der alten Bundesrepublik in Ostdeutschland.