Unaufhaltsam schreitet die Menschheit voran von der körperlichen zur geistigen Ernährung. Betrachten wir nur das Multivitaminbonbon. Verkürzend wäre es, zu behaupten, daß es nach nichts schmecke. Es schmeckt nur nach nichts Besonderem, denn seine Besonderheit liegt eben darin, nach Allgemeinem zu schmecken. Der Aufstieg vom Besonderen zum Allgemeinen ist das Kennzeichen aller Abstraktion. Der abstrakte Begriff der "Frucht" hat erst im Multivitaminbonbon seine sinnlich erfahrbare Entsprechung gefunden. Erst in der Negation des besonderen Geschmacks zeigt sich das Allumfassende des Inhalts. Das ist keineswegs zu abstrakt und dialektisch gesprochen. Selbstverständlich läßt sich geistige Nahrung nur von Geisteswissenschaftlern verstehen.

Die Ästhetik vergangener Jahrhunderte basierte stets auf Verhältnissen, solchen der Harmonie oder auch des Kontrasts. Die Differenzierung des Geschmacks zielte auf eine Verfeinerung der sinnlichen Wahrnehmung. Der Mehrfruchtsaft ersetzt dieses ästhetische Prinzip durch das der Addition. Die Addition kennt weder Harmonie noch Kontrast. Ihre Form der Differenzierung dient nicht der Verfeinerung, sondern der Vergröberung des Geschmacks. Was diesem Einheitsbrei an geschmacklicher Kontur fehlt, macht er mittels Bildern wett.

Auf dem Etikett drängen sich die Früchte aller Herren Länder. Diese botanische Arche Noah, in der alles Platz findet, was dem Begriff der Frucht subsumierbar ist, läßt sich nur noch mit den Augen trinken. Erst im Multivitaminsaft freilich hat der Mehrfruchtsaft zu seinem Wesen gefunden. Denn das Vitamin ist die Essenz der Frucht innerhalb eines funktionalistischen und reduktionistischen naturwissenschaftlichen Weltbilds.

Die in der Vermischung der Säfte untergegangene sinnliche Differenzierung kehrt, metaphysisch gewandelt, wieder in der Klassifikation der aufgezählten Vitamine. Der saure Saft vom Baum der Erkenntnis besteht im Kern aus dem Basismaterial der Naturwissenschaft: Buchstaben und Zahlen.

Auf unserem Multivitaminbild verdichtet sich die Geschichte neuzeitlicher Rationalität: Grundlage (und daher unten) ist die vielfältige, wuchernde, blättertreibende Natur. Die Ananas mit ihrem Palmwedel gemahnt an den wichtigen Beitrag der Kolonialgeschichte zur Entwicklung der Methoden naturwissenschaftlichen Klassifikation. Über das irdische Chaos des Früchtehaufens erhebt sich wie die Morgenröte das Ordnung schaffende Licht der Aufklärung. Dieser Lichtstrahl ist gebrochen in die Spektralfarben, um uns die physikalische Optik in Erinnerung zu rufen. Von Linnés Klassifikation über Newtons Prismengesetze führt der Weg des naturwissenschaftlichen Fortschritts direkt zum krönenden Alphabet der Vitamine, welches erst im 20. Jahrhundert entschlüsselt werden konnte und den Früchten seither einen naturwissenschaftlichen Inhalt gibt.

Gallen in früheren Jahrhunderten die Bäume als Träger der Früchte, so gelten nun die Früchte als Träger der Vitamine. Über die niedrige Welt der klassifizierbaren Erscheinungen erhebt sich die analytische Welt der unsichtbaren funktionalen Substanzen. Die Lichtbrechung im Prisma steht für das Sichtbarmachen des Unsichtbaren. Da Früchte nur noch äußerliche Repräsentanten der ihnen innewohnenden Wissenspartikel, der Vitamine, sind, lohnt es sich nicht mehr, sie zu spüren oder zu schmecken. Schließlich ist der Mensch fähig, die von der Natur abgelesenen Allgemeinbegriffe in die Natur zurückzuprojizieren. Als Wesenskerne kehren die Abstraktionen in die Früchte zurück. Auf die spektrale Analyse folgt die ästhetische Synthese von chemischen Begriffen mit einem süßlichen Saft.

Im Multivitaminbonbon erreicht die Abstraktion ihren Höhepunkt. Denn bei diesem darf selbst der Saft seine Saftnatur abstreifen und sich zum Konzentrat entmaterialisieren. Durch seine Unmerklichkeit im Zuckerlstückchen nähert er sich dem geistigen Status der Vitamine an, der ebenfalls auf Unmerklichkeit beruht. Warum aber begehren wir solcherart geistig gewordene Nahrung?

Die Naturwissenschaft hat eine technische Welt hervorgebracht, und diese hinterläßt Spuren in unseren Nahrungsmitteln in Form von Zusatzstoffen und Umweltgiften. Unser Wissen über die unsichtbaren Gifte verdanken wir derselben Wissenschaft, die deren Produktion ermöglichte. Gerade wegen ihrer Unmerklichkeit, ihrer bloß potentiellen Wirksamkeit und damit gleichsam transzendenten Qualität, sind die sogenannten Nahrungsgifte Inbegriff des Bösen in jedem Bissen. Dieser metaphysischen Beschaffenheit unserer Nahrung antwortet die Mythologie der Vitamine spiegelbildlich. Vitamine sind das unsichtbare Gute der Nahrung, eine Jubelversion der Zusatzstoffe, ein ins Positive gewendetes Gift.