Südwest 3, Samstag, 14. Mai, 22 Uhr: "Der Stern und sein Schatten. Daimler-Benz kehrt zurück in die Genshagener Heide"

Auf dem Friedhof ist ein Mahnmal für sechzig tschechische Mädchen, die bei dem Bombenangriff ums Leben gekommen sind – aber wer geht schon auf’n Friedhof?" In Ludwigsfelde, dreißig Kilometer südlich von Berlin, haben die Lebenden andere Probleme als ihre Toten. Sie sorgen sich nicht um ihre Geschichte, sondern um ihre Arbeit. Und die gibt es nur in einem Werk, das bis 1945 Daimler-Benz gehörte und Flugzeugmotoren für die Luftwaffe baute. Zehntausend Zwangsarbeiter schufteten dort. Von den Alliierten wurde die Fabrik bombardiert, von den Sowjets zum Teil gesprengt. In der DDR wurde daraus der VEB Industriewerke Ludwigsfelde. Fünfundvierzig Jahre nach Kriegsende kehrte der Stern zurück. 1993 übernahm Mercedes den Betrieb komplett von der Treuhand.

Eine deutsch-deutsche Geschichte, die die Filmemacher Helmuth Bauer und Eike Schmitz sachlich und behutsam nacherzählen. Sie montieren Interviews mit ehemaligen Lagerinsassen, Gespräche mit Einheimischen, Reden der Konzernvorstände, Betriebsfeste und die märkische Landschaft. Wo einst die Fabrikhallen im Wald versteckt waren, liegen heute Betonruinen, efeuüberwuchert, von Moos und Gras bedeckt. Einige Gebäude blieben intakt: die Feuerwache, das Lehrlingswohnheim, die SS-Stabsbaracke. In der DDR wurden sie weiterhin genutzt.

Ungarn, Polen, Juden, Belgier, Franzosen und Russen waren hier gefangen. Überlebende wohnen über die ganze Welt verstreut; Bauer und Schmitz haben einige von ihnen aufgespürt. Sie erzählen vom Hunger, vom sadistischen Lagerleiter, von schweren Maschinen, die Frauen erdrückten, von Erschöpfung und Kälte. Eine Frau mußte sich im Winter nackt ausziehen, nachdem sie um eine Decke gebeten hatte. Bei offenem Fenster wurde sie von Wärterinnen mit eiskaltem Wasser übergossen. Doch war das immer noch besser als das Grauen des KZ Ravensbrück, aus dem viele nach Ludwigsfelde kamen.

Viele wußten, was während des Krieges in der Fabrik geschah. Eingegriffen hat niemand. Ein Monteur erzählt, wie ein russischer Zwangsarbeiter eine Flasche Kupfervitriol durstig austrank und der Pförtner ihn in seinem Büro elendig verrecken ließ, ohne Hilfe zuzulassen. Derselbe Arbeiter erinnert sich aber auch: "Wir sind morgens auf dem LKW sehr ungern an diesen Gruppen vorbeigefahren. Das war ein Bild des Leidens."

Heute steht für die Ludwigsfeldener die Zukunft ihrer Region wie ehedem im Zeichen des Sterns. Pragmatismus behauptet sich; die Verbrechen sind nur noch eine Episode in der Geschichte der Stadt. Ein kleines Heimatmuseum soll gebaut werden. Außerdem hat Daimler-Benz 1988 symbolisch eine Summe von zwanzig Millionen Mark an Hilfsorganisationen gezahlt – nach 48 Jahren. Mit einem Hinweis auf die Spende wurde die Bitte einer Ungarin um Entschädigung vom Konzern zurückgewiesen. Recht? Unrecht? In Ludwigsfelde verliert sich die Vergangenheit zwischen den Mühlsteinen des Tagesgeschäfts. Oder, wie Mercedes-Chef Werner Niefer zur Belegschaft sagt: "Ich möchte Sie beglückwünschen zu dem mutigen Aufbruch in eine ganz, ganz neue Zeit."

Hubertus Breuer