Überall in den Vereinigten Staaten flattern die Fahnen auf halbmast. Präsident Clinton hat für Richard M. Nixon, seinen vor zwanzig Jahren mit Schimpf und Schande aus dem Weißen Haus gejagten Vorgänger, dreißig Tage Staatstrauer angeordnet. Auf halbmast weht die Flagge auch über dem Gebäude 1150 Fifteenth Street in der amerikanischen Hauptstadt. Dort hat die Washington Post ihren Sitz. Deren Reporter Bernstein und Woodward waren es, die vor zwei Jahrzehnten mit frettchenhafter Hartnäckigkeit und Unerbittlichkeit die Schandtaten Nixons ans Licht zerrten: die schmierigen Details jenes Watergate Skandals, der dem Präsidenten politisch das Genick brach. Der unzweifelbar bedeutende Weltpolitiker stand mit einem Male als ein Schurke da, der Einbrecher deckte, log und betrog und bestach - ein krasser Fall kriminellen Machtmißbrauchs.

Nixons Sturz war ein Triumph des investigativen Journalismus. Um so stärker fiel auf, wie verhalten jetzt der Nachruf der Washington Post auf den Toten klang. Nur der Reporter Joel Achenbach konnte es sich nicht verkneifen, ins Nationalarchiv zu steigen und dort einige Stunden lang in die Tonbänder hineinzuhören, die Nixon heimlich im Oval Office hatte aufnehmen lassen. Da fand er ihn wieder, den Schuft aus den alten Karikaturen: Theres my Nixon!"

Ansonsten galt: De mortuis nihil nisi bene. Nur Gutes über den Verblichenen.

Auch bei der Trauerfeier im kalifornischen Yorba Linda. Fünf Präsidenten verneigten sich dort vor Nixons Sarg: Gerald Ford, Jimmy Carter, Ronald Reagan, George Bush, Bill Clinton "Er hat Fehler gemacht" das war alles an Tadel, wozu sich der gegenwärtige Amtsinhaber verstehen mochte "In seiner Totalität" müsse man Nixons irdisches Dasein würdigen: "Möge die Zeit vorüber sein, da man Präsident Nixon nach weniger als der Gesamtheit seines Lebens und Wirkens beurteilt "

Vergangenheitsbewältigung auf amerikanisch:

eine Beisetzung als nationale Versöhnung. Die Gegenwart allerdings war ungemein präsent. II.

Die Gegenwart schien durch in der Verhaltenheit der Presse. Fast hatte es den Anschein, als wäre es ihr peinlich, daß sie im Sommer 1974 Richard Nixon aus dem Weißen Haus gejagt hat. einen mit Hunden hetzen. Mochte Nixon sein Schicksal auch tausendfach verdient haben - die Medien erinnerten ungern an ihre eigene Rolle. Vielleicht deswegen, weil viele jetzt ebenso unerbittlich hinter Bill Clinton her sind.