Von Andreas Brügger

In der Landwirtschaft vollzieht sich derzeit ein tiefgreifender Wandel. Durch die im Sommer 1992 vom Ministerrat beschlossene EG-Agrarreform wurden die Garantiepreise durch ein System von direkten Einkommensübertragungen weitgehend abgelöst. Im Rahmen der kürzlich abgeschlossenen Gatt-Verhandlungen wurden sinkende Agrarsubventionen, geringerer Schutz vor Billigimporten und besserer Marktzugang für Drittländer vereinbart.

Mit dieser deutlichen Liberalisierung der Agrarmärkte kommt es nicht nur zu einer allgemeinen Absenkung des Preisniveaus, sondern aufgrund der wenig flexiblen Nachfrage auch zu einem Anwachsen der Preisschwankungen.

In dieser Situation des Wandels soll ein Marktinstrument wiederbelebt werden, das in Deutschland seit Jahrzehnten verboten ist. Landwirtschaftsminister Jochen Borchert ließ in einer knappen Erklärung verkünden, man habe jetzt die Möglichkeit zur Schaffung einer Warenterminbörse auf den parlamentarischen Weg gebracht.

In der Tat bedurfte es im Gesetzentwurf der Bundesregierung zum Zweiten Finanzmarktförderungsgesetz keiner zwanzig Zeilen, um in Deutschland Warentermingeschäfte grundsätzlich zu ermöglichen. Viele Experten aus Politik und Wissenschaft sind überrascht und irritiert angesichts der geringen öffentlichen Aufmerksamkeit, mit der die Materie behandelt wird.

Wenn man bisher in Deutschland von Warentermingeschäften Kenntnis nahm, so hatte das stets den Beigeschmack des Anrüchigen. Nicht von ungefähr: Börsianer bestätigen, daß es kaum einen Wirtschaftsbereich gibt, in dem so unseriöse Geschäfte betrieben werden wie beim Warenterminhandel. Auch wenn in Deutschland Warentermingeschäfte bisher als Wette Spielen gleichgestellt waren, die keinen gesetzlichen Schutz verdienen, so gibt es doch eine Vielzahl von windigen Geschäftsleuten, die im Auftrag ihrer arg- und ahnungslosen Klientel an den Warenterminbörsen in London oder Übersee spekulieren. In der Hoffnung auf den schnellen Gewinn kann ein kurzer, laut ins Telephon geschrieener Satz zum bestimmenden Faktor werden: "Wissen Sie eigentlich, wie der Weizen in Chicago steht? Wir müssen dringend nachschießen, sonst entgeht uns der schönste Gewinn!" Egal wie die Sache ausgeht, eines ist sicher, nämlich die Provision des Vermittlers.

Der ursprüngliche Zweck einer Warenterminbörse besteht allerdings nicht im "Abzocken" von Anlegern, sondern in der Reduzierung des Preisrisikos für Erzeuger und Händler. Das primäre Motiv des Handels ist mithin gar nicht der Warenaustausch. Je nach Akteur ist das Ziel von Warentermingeschäften die Eingrenzung der Preisschwankungen oder das Erwirtschaften von Spekulationsgewinnen. Daher wird an den Warenterminbörsen auch nicht mit Waren, sondern mit standardisierten Kontrakten (Futures) gehandelt.