Kapstadt

Die erste Absperrung hat Joe Jele überwunden. Weiße Parlamentswächter, allesamt mit Sonntagsgesichtern, haben ihn einfach durchgewunken. Jetzt passiert er den Kordon der Weltpresse – ungefragt. Wer interessiert sich schon für den ANC-Abgeordneten aus der Township Alexandra, wenn gerade Berühmtheiten wie Walter Sisulu, Winnie Mandela oder Adelaide Tambo vorbeikommen? Vor dem Aufgang zum Parlament bleibt Jele einen Augenblick stehen. Dann schreitet er so bedächtig Stufe um Stufe hoch, als ließe er im Gedächtnis noch einmal die Etappen seines langen Marsches vorbeiziehen: Terror, Verfolgung, Gefängnis, Folter, Exil, Heimkehr nach Jahrzehnten.

In dieser Sekunde betritt Jele als freier Mann ein freies Parlament, und mit ihm strömen schwarze Abgeordnete hinein, denen das Betreten des Hohen Hauses bei schwerer Strafe verboten war. Nur drei Dutzend von 2500 Journalisten dürfen sie auf diesem Weg begleiten. "Wunderbar", sagt Joe Jele, "einfach wunderbar." Er schaut auf ein riesiges Ölbild im Eingangskabinett: Staatspräsident Pieter Botha im Kreise seiner Minister, darunter ein gewisser Frederik de Klerk, gemalt im Jahre 1984. Damals wurden schwarze "Terroristen" wie Jele noch zu Tode gehetzt. Zwei Abgeordnete der Nationalen Partei – sie hat 1948 die Apartheid erfunden und 42 Jahre durchgepeitscht – huschen eilends an dem Gemälde vorbei, zwei von 82, die sich aus der alten in die neue Zeit hinübergerettet haben. Lauter wendige, geläuterte Menschen, die heute im Namen des Volkes abstimmen dürfen und gestern noch die Hände im Namen einer Diktatur hoben. Alles nur noch Vergangenheit. War da was? Ach ja, die Rassentrennung, ein Fehler, sorry.

Aber dieser Tag ist kein Tag des Zornes und der Bitterkeit. Jele läßt das Ölbild rechts liegen und mischt sich unter die comrades. 252 ANC-Kandidaten haben den Sprung ins Parlament geschafft, Nelson Mandela und die anderen Prominenten ganz sicher, Joe Jele auf Listenplatz 126 gerade noch. Sie allein scheinen den ehedem verbotenen Plenarsaal ganz zu füllen. Was für ein buntes Völkchen sich hier versammelt hat! Indische Damen in leuchtenden Sarongs, schwarze Frauen in der Xhosa-Tracht, Muslime im Kaftan, Buren und Farbige in regierungsblauen Anzügen – ein Mikrokosmos Südafrikas. Die roten Socken und der Silberschopf Joe Slovos stechen ganz besonders heraus. Der Kommunist, Schrecken aller konservativen Weißen, wird nun sogar Minister für Wohnungsbau und Wohlfahrt in der Regierung der Nationalen Einheit.

Die Konkurrenz hat sich längst an den "Höllenvogel" gewöhnt. Sie nimmt vis-à-vis Platz: die runderneuerten NP-Abgeordneten, sieben Liberale von der Democratic Party, neun parlamentarische Kämpfer von der rechtsradikalen Freiheitsfront, das verbittert wirkende Fünferhäuflein des linksradikalen Pan Africanist Congress sowie zwei Überraschungssieger von der African Christian Democratic Party. Vor allen anderen aber hat Mangosuthu Buthelezi, Chef der Inkatha-Freiheitspartei (43 Sitze), seine Bank eingenommen. Der letzte, der noch auf den Wahlzug aufgesprungen ist, steigt als erster im Parlament aus.

Eine halbe Stunde später jubeln 600 Ehrengäste auf dem Balkonrund. Da ziehen sie ein, die großen Reformer, deren Gemeinschaftswerk sich heute vollendet: Nelson Mandela und Frederik de Klerk, der erste schwarze und der letzte weiße Präsident Südafrikas. Ab morgen ist de Klerk nur noch die Nummer zwei und muß sich die Vizepräsidentschaft mit Thabo Mbeki teilen. Hinter dem Triumvirat tanzt ein traditioneller Lobpreiser her. Er trägt eine Kappe aus Schakalfell und Glasperlenschmuck in der Farbordnung von Mandelas königlichem Clan. Wild schwingt er mit dem Roßhaarwedel, um die bösen Geister auszutreiben, und besingt auf Xhosa den verehrten Madiba: "Aus dem Kerker ist er zum Präsidenten aufgestiegen. Gespriesen sei sein Name. Mayibuye iAfrika, komm zurück, Afrika!" Afrika ist zurückgekommen – des Sängers Botschaft erfüllt den Saal.