Romantischer könnte die Szene kaum sein: Sanft plätschern die Wellen an den Kiesstrand. Kinder spielen mit einem Ball. Die rote Abendsonne wirft ein mildes Licht auf die Gesichter der Männer, die in einem improvisierten Cafe ihre Wasserpfeifen schmauchen.

Einer von ihnen heißt Fuad Khaled. Um seine sechs Kinder durchzubringen, muß er sich kräftig abstrampeln. Zu seinen vielen Arbeitgebern gehört das jemenitische Informationsministerium. Deshalb kennt der Mann aus Aden den offiziellen Jargon. Zum wiedervereinigten Jemen meint er: "Wir sind ein Land!" Zu dessen Zukunft: "Es gibt nichts, was wir nicht meistern könnten - wie ihr in Deutschland "

Seit dem Gespräch in Aden sind beinahe vier Jahre vergangen. So hoffnungsvoll "die andere, die faire Wiedervereinigung" begann, so blutig nimmt sie sich heute aus. Ein erstaunliches Maß an Pressefreiheit hat sich der Jemen beschert, ein Parlament, in dem freimütig debattiert wird, und vergangenen Herbst fanden gar bemerkenswert freie Wahlen statt. Gleichwohl: Rankünen zwischen den Führern des zuvor kommunistischen Südjemens und jenen des feudalen Nordjemens wie Intrigen von außen haben inzwischen einen regelrechten Bürgerkrieg im Jemen entfacht. Mehr als zweitausend Kilometer nordwestlich, Anfang 1991: Um Kuwait tobt der Golfkrieg, auf Israel fallen irakische Scud Raketen, in einem Jerusalemer Vorort lebt der palästinensische Intellektuelle Sari Nusseibeh unter Hausarrest. Durchs Telephon dringt seine Bedrückung, seine Verzweiflung darüber, daß erneut ein Krieg einen Keil zwischen den Westen und die arabische Welt treibt: "Wann werden wir im Nahen Osten endlich nach vorne blicken und beginnen, an der Zukunft zu bauen ?"

Ein Jahr später, nach der Friedenskonferenz von Madrid, ist Sari Nusseibeh genau damit beschäftigt. Er leitet die "technischen Komitees", die den Embryo einer palästinensischen Regierung vorbereiten. Im Garten des "American Colony Hotel" in Jerusalem berichtet er davon ohne zu schwärmen, aber doch mit Zuversicht. Heute forscht Nusseibeh an einer amerikanischen Universität. Seinen Posten hat er aufgegeben. Zwar erlaubt das vorige Woche von Israel und der PLO unterzeichnete Interimsabkommen die Schaffung eines palästinensischen Staates in Jericho und im Gazastreifen. Doch steht die Bevölkerung hinter diesem Friedensschluß? Und was werden die Fanatiker hüben undxlrüben unternehmen, um den Frieden zu sabotieren? Jedenfalls fließt weiterhin viel Blut in den besetzten Gebieten und in Israel. Und Nusseibeh, "die Stimme der Mäßigung", ist weit weg.

Die Wohnung von Professor Jusuf Ibisch in Beirut ist geschmackvoll dezent eingerichtet. Hier versammelt er häufig seine Studenten, aufmerksame Zuhörer für den brillanten Rhetoriker "Israel ist nicht Teil des Nahen Ostens, weder sozial noch geistig, noch wirtschaftlich", meint der liebenswürdige alte Professor mit plötzlicher Strenge: "Der zionistische Staat ist vielmehr die Speerspitze des amerikanischen Imperialismus Und dem gehe es im Nahen Osten immer nur um das eine, nämlich um das arabische Öl. Im übrigen hält Ibisch von der Demokratie nicht viel: "Hat nicht der öffentliche Druck Bill Clinton genötigt, in Somalia Krieg zu führen oder den Irak auszuhungern?"

Bewaffnete Leibwächter stehen vor dem Hauseingang, in dem der ägyptische Richter am Staatssicherheitsgericht, Said al Aschmawi, wohnt. Der rundliche Mann mit den wachen Augen ist einer der wenigen Liberalen in Ägypten, die sich bis heute nicht von den fanatischen islamistischen Gruppen einschüchtern lassen. Daher rangiert er weit oben auf deren Todeslisten.

"Natürlich", meint Said al Aschmawi, "helfen ausländische Drahtzieher - im Iran, in Saudi Arabien, im Sudan - dabei, am Nil eine Explosion auszulösen. Doch wir tragen viel Mitschuld. Wir haben es nicht verstanden, in Ägypten einen liberalen, demokratischen Rechtsstaat zu schaffen, der Widerstandskraft gegen Fanatiker besäße " Für den Richter ist die islamistische letztlich eine faschistische Bewegung: "Sie zielt darauf ab, die Menschen zu blöden Schafen zu machen Um Ägypten tobt der Kampf. Wenn das Nilland fällt, "fällt der Orient in die Hände der Fanatiker. Doch Europa schaut gelassen zu, obschon es doch hier in unserem Land auch seine Ideale verteidigen müßte", klagt Said al Aschmawi. Wird auch er eines Tages zu den Opfern der Fanatiker gehören? Gewiß, Syrien sei weiterhin dem Friedensprozeß im Nahen Osten verpflichtet, betonte Faruk al Scharaa, der Außenminister, vor kurzem in einem Gespräch. Gleichzeitig gibt er sich verärgert über das Abkommen zwischen Israel und der PLO. Damaskus mag keine Sonderwege. Friede ja - aber nach syrischem Gusto.