Wie ist der Innovationskrise in Deutschland zu begegnen? Und welche Techniken sollen vorangetrieben werden, welche nicht? Merkwürdigerweise werden diese beiden Fragen selten zusammen diskutiert. So ist es beispielsweise wieder normal geworden, daß Reden über "Technologiepolitik für den Standort Deutschland" ertönen, ohne daß sie die Risiken und Begleiterscheinungen der permanenten Technikrevolution zum Thema machen. Das tut dafür ein auf Klagelieder spezialisierter Zweig der Publizistik, dessen Produzenten sich nicht um die harte Konkurrenz auf den internationalen Technikmärkten scheren müssen.

Um so lobenswerter sind daher Versuche, die beiden Debatten zusammenzubringen. Die Friedrich-Ebert-Stiftung und der Verband Deutscher Elektrotechniker haben dies kürzlich in Köln unternommen. Dort trafen Ingenieure, Industrielle und Politiker aufeinander, und sie stellten einige unaufgelöste Widersprüche fest. Ein Beispiel: Von der Demonstration einer neuen Technik bis zum Produkt dauert es in Deutschland meist länger als bei der Konkurrenz. Der Prozeß müßte also beschleunigt werden – doch Technikfolgenabschätzung und öffentliche Risikodebatte, ernsthaft betrieben, dürften ihn statt dessen verlangsamen.

Technikpolitik komme ohnehin fast immer zu spät und reagiere nur auf Vorhandenes, kritisierte Christoph Hubig, Ethikprofessor in Leipzig. Der Streit um den Transrapid zeige, daß es besser gewesen wäre, hätte man erst eine Einigung über Verkehrsbedürfnisse gefunden und danach über das technische System entschieden. Dann wäre ein anders konzipierter Magnetgleiter womöglich als ideale Technik für den Güterverkehr identifiziert worden (in diesem Fall kann sich Hubig auf das Votum von Verkehrsexperten berufen).

Doch welche Technikentwicklung läßt sich schon säuberlich planen? Die Geschichte der Innovationen ist nicht eine Folge kreuzbraver Planerfüllungen. Oft stand die mutige Entscheidung einzelner für Ungewohntes am Anfang; insofern ist die Technikgeschichte bereits mit der biologischen Evolution verglichen worden: Allenthalben entsteht Neues, vieles davon scheitert, das passendste setzt sich durch.

Zwei Dinge müsse der Mensch fürchten, schrieb Paul Valéry, Ordnung und Unordnung. Vielleicht gibt es ja etwas, das dazwischen liegt und wohlgeleitete Kreativität erlaubt. Anregend ist eine Idee, die Peter Glotz in Köln äußerte: Ein paar technische Leitprojekte zu verabreden und Phantasie und Wagemut auf sie zu fokussieren – zum Beispiel die Entwicklung eines umweltfreundlichen Elektroautos. Der Staat könnte als Moderator dazu beitragen, solche Leitprojekte auszumachen, die mehrheitlich als ökonomisch und ökologisch sinnvoll angesehen werden.

Malen wir uns also die technischen Glanzstücke aus, mit denen sich die Bundesrepublik in zwanzig Jahren auf internationalen Messen sehen lassen kann – in einer Welt der Umweltschäden, Unterentwicklung und Bevölkerungsexplosion: Könnten das beispielsweise Energie- und Verkehrssysteme sein, die den wachsenden Bedarf in Asien sinnvoll decken? Oder Telekommunikationsmittel, geeignet für schlecht erschlossene Regionen, oder neue Verfahren für die Lebensmittelverarbeitung und für den Wohnungsbau in den Ballungsgebieten der armen Welt?

Ein Technikland wie Deutschland ist dazu verpflichtet, seine Kräfte zur Entschärfung der Widersprüche unserer ungemütlichen Zukunft einzusetzen. Der Markt alleine wird’s nicht richten: Die Bundesrepublik braucht eine ethisch fundierte Technikpolitik. Gero von Randow