Umweltsorgen? Ja, diese...

UDWIGSHAFEN AM RHEIN. – Eine Stadt ist auf den Hund gekommen. Nein, keine Industrieruinen, keine Schlangen vor dem Arbeitsamt. Die Schlote rauchen noch, und die Frühlingsluft bietet mehr als Blütenduft.

Ludwigshafen hat den Chemieriesen BASF nebst zwei anderen größeren Chemiefirmen, hat mit die schlechteste Luft der Republik, einen berühmten Sohn aus dem Stadtteil Oggersheim und ein originelles Umweltproblem: kleine Häufchen, längliche Würstchen in allen Braun-Schattierungen – wo der Ludwigshafener mit seinem Schuh hineintritt, da drückt ihn derselbe auch. Die Stadt fragte, welches Umweltproblem ihren Einwohnern am meisten stinkt, und die Bürger antworteten: "Hundekot". Getreu dem Kanzler-Wort, entscheidend ist, was hinten rauskommt.

An dem bodenständigen Ergebnis ist nicht zu kritteln. 15 000 Fragebögen verschickte die Stadtverwaltung, und 7300 kamen angekreuzt zurück, was allemal als repräsentativ gilt. Der Ludwigshafener an sich äußert Zufriedenheit mit seiner Stadt, findet sie zwar eher langweilig (52 Prozent), glaubt aber, es lasse sich dort ganz ordentlich leben. Nur die Antworten auf die Frage 15, "Wie bewerten Sie die (Umwelt)-Belastung in Ihrer näheren Umgebung im einzelnen?", lassen die Stadtplaner ratlos zurück. 39 Prozent der Befragten kreuzten Hundekot an; mit deutlichem Abstand erst folgen Luftbelastung (29 Prozent) und Verkehrslärm (26 Prozent). Ganz zu schweigen von Grundwasserverschmutzung oder Altlasten – allenfalls ein Randgruppen-Problem.

Aber was tun gegen den Haufen Ärger? Einschneidende Maßnahmen scheiden aus. Das weiß man spätestens seit jener verunglückten Aktion einer südhessischen Juso-Vorsitzenden, die ein Hundeleben gegen viele Kurdenleben setzen wollte. Das Ergebnis ist bekannt: Die Promenadenmischung "Lobo" erfreut sich bester Gesundheit; von einem Stopp der Kurden-Abschiebung ist keine Rede, und die Juso-Chefin Nina Hauer ist von der Hundefraktion aus ihrem Amt gebissen worden (Bild berichtete).

Bleibt nur die sanfte Kunst der Überzeugung, von der sich Stadtplaner Siegfried Haller, Betreuer der Umfrage, indes wenig verspricht. Direkt anschreiben wolle man die Hundebesitzer und um Verständnis werben, klingt es etwas resigniert. Recht erklären kann der Diplomsoziologe Haller die Umwertung aller ökologischen Werte auch nicht. Mag sein, rätselt er, daß die Ludwigshafener die Umwelt-Anstrengungen der BASF honorieren. Denn früher stank es noch mehr.

Freilich könnte es auch sein, so schlußfolgern andere, daß beim Pfälzer das Bewußtsein das Sein bestimmt. Immerhin hat der Chemie-Gigant über hundert Beschäftigte in der Öffentlichkeitsarbeit, und weil das mehr sind, als Regionalzeitungen üblicherweise Redakteure haben, läßt sich damit recht erfolgreich Meinung machen. Seit Jahrzehnten etwa gibt es keine Veranstaltung zu Umweltfragen in der Stadt, ohne daß nicht mindestens ein oder zwei fachlich und rhetorisch geschulte BASF-Sprecher versuchen, der Diskussion die rechte Wendung zu geben. Was auf Dauer nicht ohne Wirkung bleiben kann. Schließlich hat man 45 000 Arbeitsplätze anzubieten.