Von Eleonore Büning

Ein Mann, eine Gitarre, kein Mikrophon. Er hat auch in den größten Konzertsälen der Welt ohne Verstärker gespielt; unplugged würde man das heute nennen, den Mann nannte man damals "einen musikalischen Globetrotter".

Siegfried Behrend konzertierte im Auftrage der Goethe-Institute überall auf der Welt. Er brachte von seinen Reisen alle möglichen Sorten Musik mit heim, die er für sein Instrument übersetzte: brachte den Deutschen koreanische Liebes- und russische Liebeslieder nahe, machte sie mit dem Flamenco, mit englischen Balladen sowie mit der eigenen jüngsten Geschichte näher bekannt. "Es brennt" hieß die berühmte Platte mit jiddischen Liedern aus dem Ghetto, die er, gemeinsam mit der polnischen Sängerin Beiina, Anfang der sechziger Jahre produzierte. Damals hieß das noch neudeutsch, in Abgrenzung zur dumpfen deutschen Volksmusik: Folklore.

Heute würde man Weltmusik dazu sagen. Weil aber Behrend alles durcheinander spielte, von Hindemith bis zum deutschen Hupfauf, von Isang Yun über Carulli bis zu Evergreen und Schlager, und weil er alles, was er spielte, populär machte, darum gälte er heute als ein Idealfall des Cross-over.

Die Durchamerikanisierung der Musiksprache freilich kam erst mit der politischen Jugendbewegung 1968 auf, da war mit einem Schlage auch die große Zeit der Weltmusikmissionare Beiina und Behrend vorbei. Sie jetzt wieder zu hören ist, als würde man auf dem Dachboden stöbern. Neben den populären Stücken sind auch Avantgarde-Kompositionen von oder für Behrend enthalten, Kammermusik und Orchesterstücke.

Erstaunlich, daß Behrend gar nicht so makellos brillant und rasant spielt, wie man es in Erinnerung hat. Vieles mag golden überhaucht sein vom Mythos. Überraschend aber auch, wie intensiv und wie direkt gerichtet diese alten Aufnahmen wirken. Das liegt nicht nur daran, daß es durchweg Live-Aufnahmen sind. Es hat etwas zu tun damit, daß sie eine Botschaft übermitteln.

  • "Siegfried Behrend in memoriam"

Thorofon CTH 2201/2