In Berlin ist gerade ein Wettbewerb entschieden worden, für den sich das Wort merkwürdig aufdrängt: Er ist, wie das Ergebnis, zwar würdig, bemerkt zu werden, aber auch ziemlich merkwürdig. Sein Thema war der südliche Teil der Spreeinsel. Kürzlich war auf ihrem nördlichen, Museumsinsel geiannten Teil über Ergänzungsbauten entschieden worden jetzt sollte ein städtebaulicher Wettbewerb klären, wie das Gebiet mit dem Marx Engels Platz und seiner Umgebung für künftige (Neu )Bauten des Bundes eingerichtet werden sollte.

Anlaß war der Beschluß, Berlin als Hauptstadt zu reaktivieren. Genauer war es das eitle Verlangen des Außenministers Kinkel nach einem repräsentativen Neubau mitten auf dsm Marx EngelsPlatz. Und gleich drängte es auch das Innenministerium in die Nähe. Also ging es vor allem darum, diese beiden Riesenministerien mit ihren nichts als städtische Langeweile verbreitenden Büroballungen möglichst geschickt in den nach Kräften historisch rekonstruierten Stadtgrundriß einzufügen. Dafür waren alle Bauten, die dem Marx Engels Platz das Gepräge geben - Außenministern!, Palast der Republik, Staatsrat , zum Abriß freigegeben. Komplette DDR Entsorgung.

Doch hat sich unterdessen manches geändert, so daß auch der preisgekrönte Entwurf des jungen Berliner Architekten Bernd Niebuhr nur noch ein Wink in die Zukunft sein dürfte. Erstens wird der asbestreiche Palast der Republik kaum mehr abgerissen, wenn klar ist daß er sich sanieren läßt; zweitens wird cas DDR Ministerium gegenüber noch lange gebraucht, denn drittens hat der Bonner Haushaltsausschuß die Devise ausgegeben, lieber in vorhandene Gebäude zu ziehen als neue zu errichten: Sparen! Viertens wäre es äußerst frevelhaft, wenn das Staatsratsgebäude als ausgeprägtes Zeugnis der Zeitgeschichte tatsächlich verschwände.

Hinzu kommt die absonderliche Ratlosigkeit der politischen Bauherren darüber, was sich vor und neben den zwei großen Ministerien - die gottlob an den Rand gedrängt worden sind - zutragen soll. Keinerlei Nutzungsprogramm! Und nun sollten die Architekten es erfinden. Die Neinzigen, die eine vernünftige Empfehlung gaben, waren die Dortmunder Städteplaner Zlonicky, Wachten und Ebert (deren Entwurf angekauft wurde): Glaspalast fürs Volk, Haus der Kulturen der Welt (das nirgends besser plaziert wäre als hier), Bibliothek, Musik, Ausstellungen, Feste - im übrigen Wohnungen und soviel Stadtleben wie möglich in der Nähe.

Dem ersten Preisträger hingegen fiel nichts Besseres ein als ein monströser steinerner Kultursarg, nicht zufällig so groß wie das verschwundene Schloß, genau dort, wo es gestanden hatte, im Inneren ein monumentaler ovaler Hof, der aber in Berlin nichts zu suchen hat. Eine feudalistische Verirrung. Und pünktlich lancierten die Schloßfreunde die neueste Beliebtheitsumfrage (85 Prozent der Attrappenbesucher ). Sie sehen den Koloß schon mit ihrer Fassade behängt. Es war ja alles erlaubt: Abriß der häßlichen, Rekonstruktion der freundlicheren Geschichte, auch Modernes. Nun denn, der Preisträger Niebuhr hält sich an den alten Stadtplan, rekonstruiert ihn zum Teil (auch wenn die vielbeschworene Brüderstraße der Öffentlichkeit sicherheitsbedürftiger Politiker wegen verschlossen bleibt), bildet viele Plätze nach alter Art, die Abwechslung in den Stadtplan bringen.

Und was nun? Niebuhrs Plan soll nun zur Vorlage für die Bebauungspläne werden. Aber es wird wohl, vorläufig, wenig geschehen an dieser Stelle Berlins. Auch nicht schlecht; es bliebe ohnehin Stückwerk. Das zeigte schon der kurz vorher entschiedene Wettbewerb um den Lustgarten von Schinkels Museum am Dom. Erster grober Unfug: ihn gegen den MarxEngels Platz zu verbarrikadieren, so als müßte die schwer passierbare Rennbahn Unter den Linden vor Flaneuren geschützt werden. Zweiter, noch gröberer Unfug: ihn nicht als einen mit dem MarxEngels Platz zusammenhängenden Ort zu begreifen und im Wettbewerb auch so zu behandeln. Wie tröstlich, da das Wort "mittelfristig" zu hören, das heißt nach der Erfahrung von Politikern, sich auf zwanzig, dreißig Jahre einzurichten. Wenn die Gesellschaft nicht weiß, was sie will, werden auch die Architekten es ihr nicht sagen können. Manfred Sack