BERLIN. – Seit einem Jahr gilt: Berlin lebt am Rand der Baugrube. Der Blick in die Zukunft geht nach unten, oft in Tiefen jenseits der Stadtgeschichte. Unser Büro in der Französischen Straße schwebt gegenwärtig über Fundstellen von Mammutknochen und Braunkohlenflözen. Was an neuer Stadt entsteht, konkurriert im Augenblick weniger mit Wunschbildern und Vorstellungen des Stadtbildes als mit den Verheißungen seiner gewaltigen Baugruben. Bei der Grundsteinlegung zum Block 208, dem "Hofgarten" an der Französischen Straße, konnte man einen zweifelnden. Senatsbaudirektor erleben, der sich fragte, ob die kommenden Hochbauten den ästhetischen Reiz der Gruben erreichen werden.

Auch die Investoren haben ihre Baugruben entdeckt. "Baugrubenmarketing" wird propagiert. Opernaufführung in der Tiefe des Checkpoint Charly. Oder Newmans starre Nackte vor eiszeitlichem Hintergrund. Auch die "Hofgarten"-Investoren verkaufen die Tiefe: Hier entstehe ein "neues Stück Berlin", "ganz in der Tradition dessen, was die Architektur dieser Stadt so liebens- und lebenswert machte: Gebäude mit individuellem Charakter, menschlichen Dimensionen..." Und der Blick fällt – wie zum Hohn – auf achtgeschossige Grundstücksverwertungsapparate, die sich mit Staffelgeschossen über die amtliche Traufhöhe mogeln, fällt auf Rasterfassaden, auf eine Materialfolge von Travertin, Blausandstein, Granit! "Das Flair von Berlin-Mitte lebt wieder auf" – mit einem Sprachfehler gewissermaßen. "Das Flair" ist immer noch (trotz Spiegel und laut Lexikon) das Geruchsvermögen; was "das Flair" erschnüffeln könnte, wäre "das Air". Aber in dieser historischen Phase der Stadt war eben, geklagt sei’s, das Riechorgan der Investoren, ihr Flair, identisch mit dem gesuchten Duft, dem Air.

Doch diese Phase scheint dem Ende entgegenzugehen. Das "Baustellenmarketing" wird getrieben von Angst. Der Markt der Gewerbemieten bricht zusammen. Exklusive Büroflächen werden zu Ladenhütern. Die Investoren entdecken Stadt und Städter. Der Wohnungsmieter gilt nicht mehr als Mörder der Rendite. Selbst Blumengeschäfte und Buchläden gehören plötzlich zum Urbanen Programm. Ist der kand der Baugrube ein richtiger Ort, um Trendwechsel zu erkennen? Genervt von den Sägen der Bauzimmerer und dem Tuten der Kräne, bekommt das Ausharren in der Gegenwart und die Sehnsucht nach der Zukunft eine ganz banale, aber um so existentiellere Dringlichkeit. Man wünscht sich die Zukunft herbei wie den nächsten Urlaub.

Und so begrüßt man, daß das, was sich in der Baugrube verwandelt, dem entspricht, was oben geplant wird. Jetzt ist der letzte große städtebauliche Wettbewerb – der Spreeinsel-Wettbewerb – abgeschlossen. Auf der Pressekonferenz wurde Senator Hassemer aggressiv gefragt, wie er finde, daß in den letzten Wettbewerben mehr und mehr sich eine Tendenz des "Zurück zu der Zeit vor 1945" durchsetze. Der Frager hatte die Verteidigung der heiligen Elemente der ehemaligen Hauptstadt der DDR im Sinn – den Palast, das Staatsratsgebäude, das Außenministerium.

Im Jargon des öffentlichen Streits ist das Anknüpfen an die "Zeit vor 1945" eben ein "Zurück". Berlin ist überhaupt zum Flächendenkmal eines eigenartigen Historikerstreites geworden, bei dem Historismus und Moderne, kritische Stadtrekonstruktion und totaler Denkmalschutz, Traufhöhe und Hochhaus so feindlich gegenüberstehen wie die Normalverteilung von links und rechts in diesem Lande. Aber der Prozeß der Wettbewerbe hat diesen Streit unterhöhlt. Kein Zurück zum Muster Stadt, sondern dessen Wiederkehr aus der Verbannung der Nachkriegszeit ist festzuhalten. Berlin ist offenbar – wie jede andere europäische Stadt – nur in einer Richtung lesbar, wenn man denn lesen will: in Richtung auf seine Geschichte. Der Schloßplatz, die Brüderstraße, der Spittelmarkt, verschwunden unter den Anstrengungen der realsozialistischen Moderne, reden wieder, wenn der Text der Stadt ernst genommen wird. Volker Hassemer, der als Moderator des urbanistischen Diskurses die Wettbewerbe inszenierte, läßt Begriffe wie "Zeit", "Wachsen", "organische Zusammenhänge" in seine Rede einfließen. Das künftige Stadtbild, die Identität und das Straßenmuster einer historischen Metropole, läßt sich nicht planen. Es wächst, weil es Produkt so vieler tätiger Menschen ist. Es scheint jedenfalls, daß durch den Zusammenbruch des Immobilienmarktes und durch die Verstrickung der Wettbewerbe mit der historischen Realität etwas entsteht, was weder der politische Diskurs noch die Architektur für sich hätte bringen können – ein halbwegs normaler Entwicklungsrhythmus der Stadt. Das sei am Rande der Baugrube festgehalten.