Von Klaus Hartung

Magdeburg

Das Erschrecken über die Realität sucht sich Bilder. Und die Bilder wiederum bemächtigen sich der Realität. Was in Magdeburg am Himmelfahrtstag geschah, war ein Alptraum, für die Opfer und für das Land. Fünfzig, sechzig bewaffnete Hooligans und Skins brechen aus der Straßenbahn, Linie 2, hervor. Am Zentralen Platz beginnt die Jagd. Fünf Schwarzafrikaner rennen um ihr Leben. „Wir sind durch den Straßenverkehr gerannt, an Polizisten vorbei“, berichtet ein Mann aus Gambia. „Wir wollten in einem Taxi fliehen und wurden nicht mitgenommen.“ Bei McDonald’s an der Ecke wird ihnen die Zuflucht verwehrt. Schutz finden sie im türkischen Restaurant „Marietta“. Die Schwarzafrikaner können durch die Küche flüchten. Die Türken wehren sich gegen die Verfolger mit Messern. Der Preis für die Menschlichkeit: ein zerstörtes Lokal.

Das war die Realität und zugleich das Bild, das in Deutschland zu Recht an jener historischen Markierung einrastet: die Hetzjagd durch die Innenstadt, der Triumph des braunen Mobs. Die Ausländerbeauftragte Cornelia Schmalz-Jacobsen dachte an „schlimme SA-Zeiten“. Magdeburg wird eingereiht: Hoyerswerda, Rostock... Oberbürgermeister Willi Polte ist empört, auch noch fünf Tage danach. Ja, durch wen werde denn Magdeburg eingereiht? „Die Medien.“ Mit den Bildern werde „manipuliert“.

Ist also Magdeburg anders? „Sie ist eine Stadt wie jede andere, was hier passierte, kann überall passieren“, antwortet der Oberbürgermeister, „überall gibt es latente Ausländerfeindschaft.“ Gerade dann müßte man ja Magdeburg als Exempel nehmen? Aber nein, „wir agieren schon seit Jahren“. Willi Polte verweist auf den „Runden Tisch gegen Gewalt“, an dem der Polizeipräsident und alle einschlägigen Verbände sitzen. Eine Bürgerinitiative für „nachbarschaftliches Cracau“ gebe es, die es immerhin geschafft habe, den Asylbewerbern einen sicheren Heimweg ins Heim – es liegt im Stadtteil Cracau – zu ermöglichen.

Aber dennoch, was wäre der Unterschied zu Rostock und Hoyerswerda? Der Oberbürgermeister voller Überzeugung: „Wir hatten keine Claqueure, keine Häme hinter den Gardinen.“ Nur eben passive Zuschauer bei deutschen Jagdszenen. Gewiß, man muß ihm zubilligen, daß das Bild von der Hetzjagd der Rassisten durch die Innenstadt von Magdeburg rettungslos abstempelt. Nicht nur er beklagt sich über die Öffentlichkeit. Der Chef des Landesamtes für Verfassungsschutz, Wolfgang Heidelberg, ist über ihre Reaktion „mehr als überrascht“.

Auch der grüne Umwelt-Stadtrat Gerhard Rüden, der als einziger Politiker bei der Antifa-Protestdemonstration der Autonomen mitgeht, will zwar um Himmels willen nicht verharmlosen; aber das neue Bild der Stadt entspreche doch nicht dem „bisherigen friedlichen Miteinander“. Selbst die Autonomen vom Antifa-Bündnis Bandiera rossa, die den organisierten Faschismus beschwören, finden, daß natürlich ein bißchen übertrieben wird. Magdeburg ist zum Stichwort einer neuen Strafrechtsdebatte geworden; der Bundespräsident hat ungewöhnlich deutlich das Verhalten der Polizei gescholten; und in den überbreiten Straßen der Stadt sieht man seit Freitag voriger Woche ungezählte Fernsehteams auf der Suche nach Zeugen und Opfern, mit denen die Jagdszenen nachgestellt werden sollen.