Schiebt man das öffentliche Bild zur Seite, kommt eine Realität zutage, die ein wenig "normaler" aussieht, aber um so mehr beängstigt. Die Krawalle haben eine Stadt der Namenlosen geschaffen. Die Zuschauer, die Kioskbesitzer, die Kellner wollen lieber ihren Namen nicht nennen. Der Mann aus Gambia, ein wichtiger Zeuge, fleht, seinen Namen geheimzuhalten. Nach Auskunft der Polizei gibt es keine verletzten Schwarzafrikaner. Am Zentralen Platz kann man sie finden. Bitte, keinen Namen. Die Besitzer des Restaurants "Marietta" schweigen. Sie wollen nicht mehr mit der Presse reden. Was geschehen ist, gehe die Deutschen an. Die müssen begreifen, daß "wir in einer Zeit leben, wo die Mauern fallen, ohne Gewalt". Und: "Wir lassen uns nicht wie die Juden verbrennen." Aber, keine Namen. Die Öffentlichkeit verspricht keinen Schutz, wenn in Magdeburg wieder Alltag herrscht.

Auch die Polizei hat ein Bild produziert, das auf beängstigende Weise stimmig ist. Sie sei nach zehn Minuten am Tatort gewesen; allerdings mit so unzureichenden Kräften, daß nicht eingegriffen wurde. Später, vom Nachmittag an bis in die Nacht, wurden alle möglichen Festnahmegründe verpaßt. Gruppen marschierten mit "Heil"-Rufen durch die Innenstadt. Die Pizzeria "Kugelblitze" wurde überfallen, die Täter hatten Ausländer in der Küche arbeiten sehen. "Wir haben uns selbst geholfen", sagte der Kellner. Und: "Ja, die Polizei war in der Nähe." Hinzu kommen die "Fehler", die Polizeipräsident Antonius Stockmann mittlerweile eingesteht: die mangelnde Benachrichtigung der Staatsanwaltschaft, der fehlende Videotrupp zur Beweissicherung, der erst wieder bei der Antifa-Demonstration auftauchte.

"Erst durch die Presseberichte ist die Staatsanwaltschaft aktiv geworden", erklärt Oberstaatsanwalt Rudolf Jaspers. Zeugen wurden von den Medien aufgetrieben, welche die Sonderkommission "Herrentag", die erst am Dienstag mittag von 19 auf 27 Mitarbeiter aufgestockt wurde, bislang vergebens suchte. Die gejagten Schwarzafrikaner, deren Aussagen von dpa übermittelt wurden, waren der Staatsanwaltschaft unbekannt. 49 Personen hatte die Polizei festgenommen und bald darauf wieder freigelassen Staatsanwalt Jaspers kann sich das, nur "mit einer polizeirechtlichen", sprich verfehlten "Denkweise" erklären. Der Polizeipräsident hat sie offengelegt: "Wir wollten sie (die Beteiligten) trennen", gewissermaßen wie feindliche Fußballfans. Rassismus gehörte nicht zur Optik der Wiederhersteller öffentlicher Ordnung.

Rudolf Jaspers mußte feststellen, daß von den drei offenbar bekannten Rechtsradikalen, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, "einige zu den Freigelassenen gehörten". Einer der Beschuldigten war im Magdeburger Elbterrassen-Prozeß um die Ermordung eines Punkers durch Skinheads im vorigen Jahr verurteilt worden.

Die Polizei habe Ausländer mit obszönen Gesten bedroht und die Skins ermutigt – das erzählten Afrikaner und Araber vor dem Asylbewerberheim. Ein Türke wurde von einem Polizisten niedergeworfen und gleichzeitig von Skinheads verprügelt. Die Freundin des Türken bestätigt diese Schilderung im Fernsehen. Als die Afrikaner zum Polizeipräsidium gehen, weil ein Mitbewohner immer noch im Gewahrsam ist, werden sie mit dem Ruf "Geht doch nach Hause" weggetrieben. Im übrigen wird wahrheitswidrig bestritten, daß ein Schwarzafrikaner festgenommen sei.

Schon am Donnerstag abend voriger Woche kursierten Gerüchte über Warnungen des Verfassungsschutzes, wonach es eine Verbindung der Täter zur neonazistischen FAP gebe. Der Maulkorb, den der Verfassungsschutzpräsident von Innenminister Remmers bekam, und die Erklärung des Polizeipräsidenten, die Krawalle seien zurückzuführen auf "Sonne und Alkohol", heizten die Spekulationen an.

Am Montag schließlich sprach der Verfassungsschutzchef ziemlich offen: Nein, den FAP-Verdacht könne er nicht bestätigen, falsch sei auch die Vorstellung, es habe sich um organisierte Faschisten gehandelt. "Es gibt keine Organisierung im Sinne einer kriminellen Vereinigung." Aber die gewaltbereite rechtsradikale Szene in Magdeburg, vor allem im Stadtteil Olvenstedt, sei mit 600 Leuten unverhältnismäßig hoch. Die Warnungen schließlich kamen von einer seriösen Quelle "aus dem Spektrum". Man bereite sich vor, sei den Verfassungsschützern berichtet worden, "Linksradikale in der Innenstadt aufzuklatschen". Die Polizei hatte die Warnung schriftlich. Auch die Autonomen waren gewarnt worden. Es lag etwas in der Luft. Wolfgang Heidelberg versucht dennoch, die Polizei in Schutz zu nehmen: Es habe keine präzise Ortsangabe gegeben.