Scharlatane und Kurpfuscher schüren oft die Hoffnung von Krebspatienten, sie könnten das Immunsystem gegen Tumoren und Metastasen mobilisieren: Tropfen, Spritzen und Pillen, Esoterik, Kuren und Diäten werden feilgeboten - angeblich um die körpereigene Abwehr zu stärken. Doch einzig nachweisbar gestärkt wird schließlich der Umsatz der Anbieter. Für fast alle Methoden auf dem bunten Markt der Immuntherapien fehlt der Wirksamkeitsbeweis.

Weitgehend stumpf blieben bislang auch die immunologischen Waffen der Schulmediziner. Antikörper, Killerzellen, Tumorimpfstoffe und chemische Botenstoffe (Zytokine) sollen künftig eine vierte Säule der Krebsbehandlung (neben Stahl, Strahl und Chemie) bilden. Doch bisher konnten die Methoden aus den Immunlaboratorien bösartig wuchernden Geschwulsten selten etwas, anhaben.

In der jüngsten Ausgabe des britischen Fachblattes Lancet berichtet diese Woche nun ein Forscherteam um Gert Riethmüller vom Institut für Immunologie der Universität München, daß Patienten mit Darmkrebs, denen nach einer Operation mehrmals monoklonale Antikörper injiziert wurden, deutlich länger lebten als die Patienten einer unbehandelten Vergleichsgruppe. Fünf Jahre nach der Antikörpertherapie waren in der unbehandelten Gruppe 51 Prozent der Patienten gestorben, von den behandelten Patienten hingegen nur 36 Prozent "Die Antikörperbehandlung konnte die Sterblichkeit der Patienten um 30 Prozent reduzieren", lautet das rein rechnerische Fazit der Forschergruppe.

"Das historisch Bedeutende an der Studie von Gert Riethmüller" sei, daß "erstmals Antikörper bei einem häufigen soliden Tumor für die Patienten einen lebensrettenden Nutzen" erbracht hätten, heißt es in einem begleitenden Kommentar von Gustav Nossal vom Hall Institut in Melbourne "Diese Studie", schreibt der ehemalige Präsident der Weltvereinigung der Immunologen, werde "sicherlich eine neue Welle von Optimismus in der Tumorimmunologie auslösen". Dennoch bleibt vorerst Zurückhaltung geboten, weitere Studien müssen die Ergebnisse der Münchner Wissenschaftler erhärten.

Jedenfalls haben sie die Aufmerksamkeit ihrer Kollegen auf ein schwieriges Angriffsziel in der Krebsbehandlung gelenkt: auf einzelne Krebszellen, die sich vom Primärtumor abgesiedelt haben und - für konventionelle Diagnoseverfahren unsichtbar - in anderen Teilen des Körpers schlummern. Oft erst nach Jahren beginnen diese Zellen erneut zu wuchern. So entstehen in der Regel schwer behandelbare Metastasen, die bei den meisten Krebspatienten die eigentliche Todesursache sind.

Zwar versuchen die Ärzte auch heute schon, versteckte Tumorzellen zu vernichten, etwa durch eine Chemotherapie. Doch die Medikamente können nur jene Zellen zerstören, die sich teilen; bei den ruhenden Krebsvagabunden sind sie wirkungslos.

Hier kann nach Riethmüllers Überzeugung eine Immuntherapie greifen: "Mit einer vereinzelten bösartigen Zelle wird das Immunsystem fertig, aber nicht mehr mit einer Geschwulst, die schon aus Millionen Zellen besteht In solch solide Metastasen können die "Späher" des Immunsystems, die Antikörper, nämlich nicht mehr eindringen. Hinzu kommt, daß das Immunsystem von Patienten, die bereits Metastasen haben, häufig schwer gestört ist. Die Immunzellen sind quasi gelähmt und können nicht mehr reagieren. Aus diesem Grund, meint Riethmüller, seien bislang auch die meisten immunologischen Therapieversuche eher enttäuschend verlaufen, sie sind bei Patienten im Endstadium der Krankheit meist vergeblich. Daher haben Riethmüller und seine Kollegen an insgesamt sechs deutschen Universitätskliniken die Antikörpertherapie nur bei solchen Darmkrebspatienten eingesetzt, die zum Zeitpunkt der Operation noch keine nachweisbaren Metastasen hatten. Allerdings waren die Lymphknoten dieser Patienten bereits von Krebszellen befallen - ein Zeichen dafür, daß die gefährlichen Vagabunden bereits Ausbruchversuche in den Körper unternommen haben.