Von Constanze Stelzenmüller

Ngara/Daressalam

Das erste, was man aus der Ferne vom derzeit größten Flüchtlingslager der Welt erkennt, ist eine schmutzige Wolke, die schwer über den saftiggrünen Hügelwellen in diesem nordwestlichsten Zipfel von Tansania liegt. Bei näherer Hinsicht wimmeln in den grauen Schwaden viele bunte Punkte; sie wälzen sich in breiten Strömen kreuz und quer, vom einen Ende des Horizonts zum anderen. Es sind Menschen, wohin das Auge blickt: rennend, laufend, stehend, liegend, sitzend. Noch vor drei Wochen lag diese fruchtbare Landschaft, in der sich Savanne mit Kaffeesträuchern und Bananenstaudenwäldern abwechselt, fast unberührt unter dichten Regenschleiern. Dann, am 28. April, überquerten 250 000 Ruander innerhalb von nur 25 Stunden die einzige Brücke über den reißenden Grenzfluß Kagera und kamen hierher, ins sichere Nachbarland nach Benako.

Was hat diese verzweifelte Flucht – für die es nach Aussage des UN-Flüchtlingskommissariats in Ausmaß und Geschwindigkeit kein Beispiel in diesem Jahrhundert gibt – veranlaßt? Ihre unmittelbare Ursache war ein Attentat. Am 6. April wurde das Flugzeug des 57jährigen Präsidenten von Ruanda, Juvenal Habyarimana, beim Anflug auf den scharfbewachten Flughafen der Hauptstadt Kigali von einer Rakete in der Luft zerfetzt. Mit Habyarimana starb auch der Präsident des Nachbarstaates Burundi, der 39 Jahre alte Cyprien Ntaryamira, der sein Amt erst im vergangenen Oktober von seinem ermordeten Vorgänger Melchior Ndadaye geerbt hatte. Ihr gewaltsamer Tod stürzte den seit Jahrzehnten immer wieder von Bürgerkriegen zerrütteten zentralafrikanischen Kleinstaat Ruanda in das fürchterlichste Blutbad seiner Geschichte.

Die Armee, die dem Hutu Habyarimana 1973 in einem unblutigen Putsch zur Macht verholfen hatte, hielt sich nicht lange mit Spekulationen über die Hintergründe des Abschusses auf. Als hätten sie nur auf ein Signal gewartet, zogen noch am selben Abend Soldaten und betrunkene junge Milizionäre, bewaffnet mit Gewehren, Macheten, Hackbeilen und Knüppeln, durch die Stadt, wo sie vor allem Tutsi aus den Häusern zerrten, um sie zu töten; auch zehn belgische UN-Soldaten fanden den Tod beim Versuch, die Premierministerin Uwilingiyimana vor der Soldateska zu retten.

Wenig später hatte die Welle des Terrors, zu dem im Rundfunk immer wieder aufgestachelt wurde, bereits das gesamte Land erfaßt. Die RPF griff angesichts der Bedrohung ihrer Leute erneut zu den Waffen und fiel mit 5000 Soldaten vom Norden her ein. Inzwischen haben sich die Rebellen durch die Hälfte des Landes bis zur Hauptstadt vorgekämpft, während die selbsternannte Übergangsregierung, bestehend aus einigen überlebenden Ministern des Kabinetts Habyarimana, sich in zunehmender Bedrängnis in Gitarama verschanzt, vierzig Kilometer südlich der Hauptstadt.

Nach knapp sechs Wochen des Mordens lautet die Bilanz des Roten Kreuzes in Ruanda: mindestens 500 000 Tote (das sind fünfzehn Prozent der Bevölkerung und mehr, als in Bosnien in zwei Jahren getötet wurden) und zwei Millionen Menschen auf der Flucht. Mindestens 8500 davon haben sich in Zaire vor ihren Peinigern in Sicherheit gebracht, 7500 sind in Uganda, 37 000 in Burundi und über 285 000 in Tansania. Allein im tansanischen Lager Benako kommen jedoch Tag für Tag 3400 neue Flüchtlinge an.