Was Kindergeld und Hochbegabtenförderung miteinander zu tun haben? Eine ganze Menge: Für jedes Kind gewährt der Staat den Eltern einen monatlichen Zuschuß, solange es in der Ausbildung ist und nicht mehr als 750 Mark pro Monat verdient. Stipendien fielen dabei nicht ins Gewicht. Doch das ist seit dem 1. Januar anders. Nach dem neuen Bundeskindergeldgesetz gelten auch Stipendien von 610 Mark und mehr als Einkommen. Wer mindestens 750 Mark Ausbildungsvergütung erhält, geht beim Kindergeld leer aus. Dabei zählen nicht einmal die ausgezahlten, sondern die den Kindern zustehenden Beträge.

Diese Änderungen sollen der Staatskasse eine Entlastung von 850 Millionen Mark bringen und betreffen etwa 8000 der insgesamt 13 000 deutschen Stipendiaten.

Nun wäre das Spargesetz kaum der Rede wert, ginge es allein um den Verlust des Kindergelds. Der aber zieht für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes weitere finanzielle Einbußen nach sich. Beamte und Angestellte bekommen neben dem Grundgehalt Zuschläge und Beihilfen, deren Höhe sich nach der Zahl der Kinder richtet. Entfällt der Anspruch auf Kindergeld, reduziert sich das Gehalt, während die Beiträge für die Krankenversicherung steigen.

Ein Beispiel: Der Studiendirektor Gunter Hertel aus Bayern hat zwei studierende Kinder. Weil sein Sohn ein Hochbegabtenstipendium von 950 Mark monatlich erhält, muß der Studiendirektor jetzt auf das Kindergeld von 70 Mark, den Ortszuschlag sowie auf die Krankenkassen-Beihilfe verzichten. Für den Sohn, bisher beim Vater mitversichert, schloß Hertel eine Privatversicherung ab, die 88 Mark mehr kostet als die frühere. Sein eigener Krankenkassenbeitrag stieg um 120 Mark. Steuerliche Einbußen mitgerechnet, entsteht dem Beamten durch das neue Gesetz ein Verlust von 574 Mark pro Monat. Das entspricht gut 60 Prozent des Stipendiums seines Sohnes.

Im Extremfall kann der Verlust sogar höher sein als das Stipendium. Ein Witwer aus Bayern, dem wegen des Hochbegabtenstipendiums seiner Tochter (950 Mark pro Monat) das Kindergeld sowie das Waisengeld gestrichen wurden, büßt insgesamt 1007 Mark ein.

Bayern ist das einzige Bundesland mit einer gesetzlich geregelten Begabtenförderung. Darum ist dort der Protest gegen die Bonner Gesetzgebung besonders heftig. Kultusminister Hans Zehetmair geißelte sie gar als "räuberische Aktion gegen begabte junge Menschen". Aber auch der Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes hat bereits "auf das schärfste" gegen die neue Kindergeldregelung protestiert und auf die Benachteiligung sozial schwacher Stipendiaten hingewiesen.

Anders als der Freistaat berechnen die Förderungswerke ihre Stipendien nach Bafög-Richtlinien. Kinder aus einkommensschwachen Familien erhalten mehr Geld als Kinder wohlhabender Eltern. Da auch das Büchergeld von 150 Mark pro Monat als Einkommen gilt, greift die neue Regelung bereits bei einem monatlichen Zuschuß von 460 Mark. Sinkt das Familieneinkommen, kann durch ein höheres Stipendium ein kleiner Teil der Einbußen ausgeglichen werden. Nur bei Bedürftigen, die ohnehin schon den Höchstsatz von 880 Mark erhalten, gibt es keine Möglichkeit, den Verlust zu kompensieren. Dagegen sind Kinder aus begüterten Familien, die neben dem Büchergeld nur einen geringen oder gar keinen Zuschuß erhalten, überhaupt nicht betroffen. Großverdiener beziehen weiter Kindergeld, weil ihre Sprößlinge die Freigrenze nicht überschreiten. Auch Bafög-Empfänger bleiben in der Regel ungeschoren, weil der Teil des staatlichen Zuschusses, der als Darlehen vergeben wird, nicht als Einkommen gilt. Stipendiaten aus einkommensschwachen Familien, die ihren Bafög-Anspruch nicht wahrnehmen, müssen sich also regelrecht bestraft fühlen.

Die Studienstiftung will das Thema Kindergeld noch einmal aufgreifen. Im Bundesbildungsministerium hat man jedoch wenig Hoffnung, daß das Gesetz neu gefaßt wird. Es sei denn, der Bundesrat ergreift die Initiative. Sabine Neumann