Der idyllische Flugplatz von Tirana mit seiner Palmenallee, den Blumenbeeten und der manuellen Gepäckabfertigung ist noch keiner Modernisierung zum Opfer gefallen. Aber die Bäume, die die - miserable - Landstraße in die Stadt säumten, wurden wegen der Kälte im ersten Winter der "Freiheit" zu Brennholz zersägt. Nebep der Leere ziehen zwei große Baustellen die Aüfinerksarrikeit auf sich: Eine Spaghettifabrik entsteht, im Auftrag eines Ägypters, und eine Coca Cola Fabrik.

Die Fülle flotter, meist verbeulter Autos auf den Straßen ist ebenso Zeichen eines behutsamen Fortschrittes, dem die geradezu sensationelle Einführung von Verkehrsampeln an allen größeren Kreuzungen in der Hauptstadt Rechnung tragen soll - die Kenntnis von Verkehrsregeln aber ist ganz offensichtlich noch oberflächlich. Die Verkehrspolizisten stehen hilflos im Gewimmel der Fußgänger, Radfahrer und Autos.

Wer Albanien vor dem Umsturz Ende 1990 kannte, dem fällt heute der südländisch balkanische Lärm auf den Straßen auf: Autos hupen, und die Menschen, besser und bunter angezogen als früher, unterhalten sich laut. Pärchen küssen sich vor aller Augen - eine erfrischende Entwicklung nach der Ära des ehemaligen kommunistischen Despoten Enver Hodscha, als in den "blauen Stunden" auf den Boulevards Burschen und Mädchen sittsam getrennt still aneinander vorbeiflanierten.

Erschreckend allerdings ist, daß zu jeder Tageszeit arbeitslose Menschen in großer Zahl auf Mauern und Stufen öffentlicher Anlagen hocken. Bei ihnen sitzen Kinder, meist Roma, die, wenn sie nicht betteln, einfach auf dem Trottoir liegen und schlafen, ohne Unterlage und Decke. Die Panik, die die Albaner vor drei Jahren in die Flucht ins Ausland getrieben hatte, scheint überwunden zu sein. Geldsendungen von Verwandten, die trotz aller Widrigkeiten im Ausland Arbeit fanden, ermöglichen einen bescheidenen Komfort, und das humanitäre Engagement internationaler Organisationen weckt Hoffnungen. Die britische Institution Cafod fördert den Bau von Wohnungen für die ehemaligen politischen Gefangenen und Deportierten des Hodscha Regimes, von denen viele noch immer kein menschenwürdiges Dach über dem Kopf haben. ANA, eine norwegisch albanische Organisation, unterstützt ein Institut, das den Folteropfern jener Zeit psychotherapeutische Hilfe gibt. Und der amerikanisch ungarische Mäzen George Soros finanziert die Übersetzung und den Druck von Schriften, die die internationalen Normen von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, die Funktionen von UN und KSZE erklären. Erstaunlich ist, wie viele junge Menschen, vor allem Studenten, sich christlichen Sekten angeschlossen haben "Es ist wunderbar, mit anderen, mit Gleichgesinnten zusammenzusein", sagt Kristo, der im dritten Jahr Jura studiert. Die Kenntnis der jeweiligen religiösen Lehre scheint dabei weniger zu wiegen als die Suche nach Geborgenheit - eine Sehnsucht, die einer allgemeinen, unter der Oberfläche der neu gewonnenen Freiheit und des Fortschrittes schwelenden Unsicherheit entspringen dürfte. Korruption und Kriminalität sind Alltagserscheinungen.

Korruption beschäftigt nicht nur die meisten Zeitungen - es gibt ihrer 270 zur Zeit, wohl ein Weltrekord bei einer Bevölkerung von drei Millionen. Korruption beschäftigt vor allem auch die Gerichte. Sie ist zum Synonym der Abrechnung mit der Vergangenheit geworden. Zugleich ist sie Mittel im aktuellen politischen Kampf. Wegen "Korruption und Machtmißbrauch" wurde die Witwe Enver Hodschas zu neun Jahren Kerker verurteilt, obwohl sie - ähnlich wie im Fall Erich Honeckers - für viel schwerwiegendere Verbrechen anzuklagen wäre. Auf Korruption lautet auch die Anklage in dem von der Öffentlichkeit mit großem Interesse verfolgten Prozeß gegen Fatos Nano, den charismatischen Vorsitzenden der zweitstärksten Partei Albaniens, der Sozialistischen Allianz, der im wesentlichen die früheren KP Mitglieder angehören. In der kurzlebigen Koalitionsregierung war er Ministerpräsident. Fatos Nano wird durch diesen Prozeß und das überraschend harte Urteil zu zwölf Jahren Gefängnis zu einem Märtyrer stilisiert. Auch politische Gegner fürchten, daß die fragwürdige Beweisführung der Anklage zu einem politischen Bumerang werden könnte. Wegen Korruption wurde auch im März der 24 Jahre alte Richter Arben Ristani in Handschellen ins Untersuchungsgefängnis gebracht. Er hatte in einem Prozeß gegen zwei Journalisten, denen "Veröffentlichung von Geheimakten" vorgeworfen worden war, einen Freispruch und ein Urteil von sechs Wochen Haft ausgesprochen. Von "höchster Stelle", so heißt es in Journalistenkreisen, seien jeweils zwei und drei Jahre gewünscht worden. Zur selben Zeit wurden in der Provinz Albaniens insgesamt sechs Anwälte und Richter - einige um drei Uhr in der Früh - festgenommen und nach Tirana gebracht.

An Juristen ohne belastete politische Vergangenheit herrscht wie in allen osteuropäischen Reformstaaten Mangel. Um diesem Umstand abzuhelfen, wurde im vergangenen Jahr - trotz heftiger Proteste unter anderem von den Studenten der Juristischen Fakultät - ein Halbjahreskurs für Nichtjuristen angeboten. Entgegen den damaligen Versprechen, die Absolventen würden lediglich in der Administration der Ministerien eingesetzt, arbeiten sie heute als Richter und Anwälte. Kriminalität hat viele Gesichter in Albanien. Auch hier verdichtet sich das Netz organisierter Banden. In- und Ausländer berichten, daß Leute in Polizistenuniformen oder Maskierte von Lkwund Pkw Fahrern willkürliche Beträge verlangen, bevor sie sie weiterfahren lassen. Polizeioffiziere klagen darüber, daß ihre Leute keine Disziplin halten und den Vorgesetzten nicht gehorchen. Der Polizei wird einerseits überflüssige Brutalität gegenüber den Bürgern nachgesagt, andererseits greift sie nicht ein, wenn es nötig wäre.

Anfang März wurde während einer Versammlung der Demokratischen Allianz, einer Splittergruppe der Regierungspartei, in der nordalbanischen Stadt Shkoder der 26jährige Katholik Albin Mirija erst zu Boden geschlagen, dann von einem zweiten Mann mit einer Pistole erschossen. Beide Täter, so versichert der Parteivorsitzende Nerida Ceka, seien der Polizei bekannt, mehrere Zeugen konnten sie identifizieren. Dennoch ist niemand verhaftet worden. Wenige Tage später wurde Gjergji Zefi, der stellvertretende Chefredakteur der Parteizeitung Aleanca, ebenfalls in Shkoder auf der Straße überfallen und krankenhausreif geschlagen. Er war Mitglied einer Kommission, die den Mord an Mirija untersuchen sollte. Anfang April wurde gegen Zefi Anklage erhoben wegen "Verbreitung von Unwahrheiten", am Tag darauf berichtete Teodor Keko, der Chefredakteur von ner Frau und Freunden in der Nähe meiner Wohnung (im Zentrum Tiranas) spazieren, da kam ein Mann auf mich zu, zwei weitere Männer waren mit ihm, er fragte mich etwas und schlug mit einem Schlagring in mein Gesicht Keko ist zugleich Parlamentsabgeordneter der Demokratischen Allianz. Das staatliche Fernsehen schwieg über diesen Vorfall, auch erkundigte sich kein Sprecher des Parlaments nach dem Befinden des Abgeordneten.