Von Fredy Gsteiger

Paris

Über Nacht waren sie da: Viele hundert serbische Soldaten mit ihren Gewehren, den Finger am Abzug – mitten in Paris! Die Stadt ist übersät mit martialischen Plakaten. Sie werben für einen Film, der Frankreich aufrütteln soll. "Bosna!" lautet der Titel. Das Ausrufezeichen ist Programm. Bernard-Henri Lévy, der Philosoph, Schriftsteller und Filmemacher, will, daß seine Landsleute für die bosnischen Muslime Partei ergreifen.

Dabei war das bosnische Drama, trotz der starken Präsenz französischer Blauhelme, in Frankreich in den Hintergrund gerückt. Präsident François Mitterrands mutiger Besuch in Sarajevo im Juni 1992 liegt lange zurück. Die Politiker meiden klare Worte, möchten am liebsten die eigenen Blauhelme heimholen.

Doch ausgerechnet in die alljährlich in Cannes stattfindende Lustbarkeit der Phantasie platzt nun Bernard-Henri Levy mit seiner Sicht der Wirklichkeit. Zwischen Starlets und Soireen, zwischen Bällen und Banketten drängt er mit serbischen Tätern und bosnischen Opfern auf das Filmfestival. Eigentlich wollten die Franzosen dort vor allem den großen Kostümfilm "La reine Margot" feiern und in der Hauptrolle die schöne Isabelle Adjani bejubeln. Nun stehlen ihr ein paar Bosnier die Schau, jetzt fließt Blut auf die Kinofauteuils.

Denn eines versteht der 46jährige Levy wie kein zweiter unter Frankreichs Intellektuellen: sich und seine Anliegen unters Volk zu bringen. Ihm geht es nicht um Fußnoten und Zwischentöne. Ob er schreibt, redet oder filmt, immer sieht er sein Tun als politischen Akt, der die größtmögliche Wirkung erzielen soll. Kein Wunder, daß ihn Raymond Aron, der Realist, seinerzeit genauso verachtete wie jetzt die französischen Militärs. "Es macht mich verrückt, wenn einer daherkommt und behauptet, ein paar Flugzeuge würden genügen, um Bosnien zu retten", gab General Françis Briquemont, ehemals UN-Kommandeur in Bosnien-Herzegowina, zu Protokoll. Und jeder weiß, wen Außenminister Alain Juppé meint, wenn er über "Schreibtischstrategen" spottet.

"In der bosnischen Frage", das räumt der ebenso medienwirksame wie umstrittene Philosoph ein, "hatte ich nie Distanz." Er ist wütend über die "Abmeldung" des Westens, über Frankreich, das seine Verantwortung nicht wahrnehme. "Ich bin angewidert seit dem ersten Tag dieses Krieges und will meine Empörung über dieses Desaster hinausschreien."