Von Chikako Yamamoto und Georg Blume

Für den nordkoreanischen Diktator Kim II Sung kamen die, Nachrichten aus Japan wie gerufen. Gerade hatte der amerikanische Verteidigungsminister William Perry sein totalitäres Regime als "in vielerlei Hinsicht größte Sicherheitsbedrohung der Welt" gegeißelt, da konnte der nordkoreanische Staatschef mit einiger Glaubwürdigkeit auf einen anderen Übeltäter hinweisen: In Japan waren nach Eingeständnis der dortigen Atombehörden siebzig Kilo Plutonium verschwunden. "Die Internationale Atomenergieorganisation hat immer behauptet, daß sich die Atomanlage in Japan unter ihrer strikten Kontrolle befände", empörte sich das nordkoreanische Staatsorgan Roding Simmun.

Siebzig Kilogramm Plutonium, deren Nachweis die Japaner bis heute schuldig bleiben – das wäre rein theoretisch genug Stoff, um neun Atombomben zu bauen. Erst vor drei Wochen war William Perry durch Asien gereist, um seine Verbündeten lauthals zu alarmieren, daß Nordkorea "innerhalb von Wochen" über ausreichend Plutonium für "vier bis fünf Bomben" verfügen könne. Zwar sind beide Länder – Nordkorea und Japan – in ihren politischen und militärischen Zielen kaum vergleichbar. Doch es läßt sich nicht einfach ignorieren, was der japanische Atomphysiker und Kernenergiekritiker Jinzaburo Takagi feststellt: "Solange das vermißte Plutonium nicht wiedergefunden und sein Bestand gesichert ist, wäre es aus Sicht anderer Länder nur selbstverständlich, die Abtrennung von Plutonium für militärische Zwecke zu unterstellen." Plötzlich waren damit zwei bislang voneinander getrennte Problembereiche miteinander verbunden: Die Debatte um ein geheimes Atomwaffenprogramm in Nordkorea griff ungewollt, aber zwangsläufig auf ein Alltagsproblem der zivilen Plutoniumindustrie in Japan über.

Denn die japanische Vermißtmeldung für siebzig Kilo Plutonium durfte Eingeweihte eigentlich nicht überraschen. Bei dem gesuchten Gift handelt es sich nämlich um nicht nachweisbares Material, in der Atomfachsprache als material unaccounted for hinlänglich bekannt. Tatsächlich sammeln sich in jeder Plutoniumfabrik über die Jahre Restbestände des Bombenrohstoffs, für deren Nachweis auch die besten derzeit verfügbaren Meßgeräte nicht ausreichen. Die Materialbilanzen von Wiederaufarbeitungsanlagen und Brennelementefabriken sind deshalb negativ. Allerdings ist eine so hohe Verlustquote, wie sie jetzt in der Brennelementefabrik Tokaimura, nördlich von Tokio, festgestellt wurde, eher ungewöhnlich. Von drei Tonnen Plutonium, die in den vergangenen fünf Jahren in Tokaimura verarbeitet wurden, sind siebzig Kilo, also 2,3 Prozent, nicht auffindbar. Kernkraftgegner fordern bereits, die Brennelementefabrik zu schließen.

Dagegen wehrten sich die japanischen Behörden. Für sie stellt Tokaimura bisher die einzige Anlage dar, die für den ersten japanischen schnellen Brüter, der vor wenigen Wochen in Betrieb ging, den Brennstoff liefern kann. Die Schließung von Tokaimura würde also den gerade erst aufgestellten Brennstoffkreislauf wieder unterbrechen, ein Fall, den ein Sprecher des Tokioter Außenministeriums vergangene Woche kategorisch ausschloß. Nach Ansicht des japanischen Atomforums befinden sich die siebzig Kilogramm innerhalb der Anlage und wurden nicht abgezweigt. Doch die Sicherheitsdebatte rund um das japanische Plutonium ist damit nicht beendet.

Denn die Internationale Atomenergieorganisation in Wien (IAEO) bestätigte die Angaben des japanischen Atomforums nicht. Und schon vor zwei Jahren hatte die IAEO japanische Pläne, große Mengen Plutonium für das zivile Atomprogramm zu lagern, als "Sicherheitsproblem für Asien" bezeichnet. Die IAEO-Kritik an Japan kam im Zuge einer Neuorientierung der Behörde nach dem Ende des Kalten Krieges. Von nun an galt die bisher vorgenommene Trennung zwischen militärischem und zivilem Nuklearmaterial als obsolet. "Der Überschuß an isoliertem spaltbarem Plutonium aus den zivilen Atomprogrammen", warnte William J. Dircks, stellvertretender IAEO-Generaldirektor, in einer Grundsatzrede, "stellt ein wesentliches weltweites sicherheitspolitisches Problem dar." Der gleichen Linie folgte inzwischen auch die Sicherheitspolitik der USA. Als Testfall für die neue Politik in Washington und Wien aber diente zuletzt nur Nordkorea.

Mit gutem Grund: Solange es um die Entlarvung eines versteckten Atomwaffenprogramms unter dem unberechenbaren Kim-Regime ging, hatten die Wächter des Atomwaffensperrvertrages ein relativ leichtes Spiel. Die Glaubwürdigkeit ihrer Intentionen stand nicht zur Debatte. Erst der Fall Tokaimura zeigt mit den Grenzen der Plutoniumwissenschaft auch die Grenzen der neuen Politik: Denn wer siebzig Kilogramm Plutonium womöglich über Jahre hinweg unbeachtet läßt und auch mit internationalen Kontrolleuren nicht klar nachweisen kann, wo das Zeug geblieben ist, muß in Zukunft mit weiteren Rechtfertigungsschwierigkeiten rechnen.

Es lohnt sich deshalb, eine Studie des Wissenschaftlers Marvin Miller vom Massachusetts Institute of Technology vom August 1990 nachzulesen. Miller errechnete, daß Meßgeräte beim Betrieb von Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) und Brennelementefabriken so ungenau seien, daß sich aus einer WAA von der Größe der UP 3-Anlage in La Hague oder jener, die sich gerade in Rokkashomura in Nordjapan im Bau befindet, bis zu 246 Kilo Plutonium pro Jahr entwenden ließen, ohne daß dies in den Materialbilanzen für die IAEO-Kontrolleure auftauchen würde. Millers Schlußfolgerung: Solange keine genauen Meßgeräte zur Verfügung stehen, "wäre es vorsichtig, den Gebrauch von Plutonium auf Forschungszwecke einzuschränken". Ein solches Gebot ist im Atomwaffensperrvertrag ausdrücklich nicht vorgesehen. Die Plutoniumaffäre von Tokaimura zeigt, wie schnell die Nichtweiterverbreitungslogik versagen kann, wenn das gegenseitige Vertrauen der Unterzeichnerstaaten verlorengeht.