Die Mehrzahl der Palästinenser und viele israelische Führungspersonen "leben und atmen Politik, gehen aber mit der wirtschaftlichen Dimension wie mit einer bitteren Pille um, die man auf Anordnung des Arztes schlucken muß". Dies schreibt der israelische Außenminister Schimon Peres in seinem neuen Buch "Die Versöhnung - der neue Nahe Osten". Daß der Erfolg des Friedensprozesses aber auch vor allem vom Aufschwung der Wirtschaft in den autonomen palästinensischen Gebieten abhängen würde, war dennoch von Anfang an sonnenklar.

Nur wenige Wochen nach der Unterzeichnung des Osloer Abkommens am 13. September 1993 in Washington gründete die PLO auf Druck der Weltbank den Palästinensischen Wirtschaftsrat für Entwicklung und Wiederaufbau (PECDAR) und besetzte ihn wenigstens zum Teil mit Fachleuten. Sein Auftrag sollte es sein, eine Wirtschaftspolitik zu erarbeiten und die zugesagten Hilfsgelder effektiv weiterzuleiten.

Samir Abdullah, der dem achtköpfigen Direktorium von PECDAR angehört, ist kein Patient, dem die bittere Wirtschaftspille erst verordnet werden muß. Der Ökonom hat in Prag studiert und an der Al Najah Universität in Nablus unterrichtet. Bei den Madrider Friedensverhandlungen 1992 war er Mitglied der palästinensischen Delegation; jetzt sjtzt der 43jährige in seinem provisorischen Bj rQ das7vor zwei Monaten in einem nagelneuen Wohnhaus in Ramallah (Westjordanland) eingerichtet wurde. Weniger als 25 Mitarbeiter gehören derzeit zum Planungsstab von PECDAR, in nächster Zeit müssen bis zu 90 Mitarbeiter gefunden werden. Das wird nicht leicht sein, sagt Samir Abdullah.

Es ist auch nicht einfach, eine glaubwürdige unabhängige Wirtschaftsinstitution aufzubauen, wenn sich an deren Spitze PLO Chef Jassir Arafat persönlich gesetzt hat. PECDAR sollte eben "politische" Projekte verhindern und aufpassen, daß keine Gelder direkt in die Taschen von politerprobten Geschäftsleuten fließen. In der Vergangenheit hatte Arafat bei der Verteilung von Spendengeldern vor allem darauf geachtet, daß Loyalitäten belohnt werden "Die palästinensischen Behörden und die Spendergemeinschaft sind sich im klaren darüber, daß die progressive Wandlung von PECDAR zu eigenständigen Regierungseinheiten Innerhalb der nächsten drei Jahre genau beobachtet werden muß", steht in dem "Sofortprogramm für die besetzten Gebiete", auf dem PECDAR aufbaut "Man muß vermeiden, daß der Wirtschaftsrat das Wachstum in den Gebieten eher behindert als erleichtert Zusammen mit Experten von der Weltbank hat der 43jährige Samir Abdullah die Erarbeitung dieser Studie betreut.

Insgesamt, so schätzten die Autoren, benötigen die palästinensischen Behörden während der jetzt beginnenden Übergangsphase Zuschüsse von 1 2 Milliarden Dollar. Dies würde jährlich 200 Dollar pro Palästinenser für die nächsten drei Jahre bedeuten. Vierzig Länder und internationale Organisationen, vereint unter der Ägide der Vereinten Nationen, hatten diese Summe im vergangenen Oktober zugesagt. Inzwischen ist sie auf 2 4 Milliarden gestiegen.

Die öffentlichen Gelder sollen zunächst in den Aufbau von Transportwesen, Wasser- und Stromversorgung, Kanalisation, Abfallbeseitigung, Telekommunikation und Wohnungsbau (in Gaza lebt jeder zweite in einem Flüchtlingslager) fließen. Außerdem soll Geld in das Bildungs- und Gesundheitswesen, in Landwirtschaft, Tourismus und Verwaltung geleitet werden. An Geld fehlt es, zumindest vorerst, nicht, der erfolgreiche Aufbau wird daher eher eine Frage des politischen und wirtschaftlichen Managements sein. Auch die Weltbank ist sich darüber im klaren, daß die von ihr geforderte Transparenz der Entscheidungen nicht unbedingt dem Führungsstil palästinensischer Politiker entspricht, sagte Cäio Koch Weser, der für den Nahen Osten zuständige Vizepräsident der Weltbank, zu Anfang des Monats. Er glaubt aber auch, daß "die besetzten Gebiete im Gegensatz zu den meisten Entwicklungsländern den Vorteil haben, daß es keine Staatsbetriebe gibt, die mühselige Privatisierungsarbeit daher entfällt und alle Energien sofort dem Aufbau privatwirtschaftlicher Organisationen gewidmet werden können". Bei PECDAR liegen bereits 2600 Anträge auf Förderung privater Investitionen vor. Kamal Hassouneh, Rechtsanwalt und Direktor der AI Shark Electrode Co am Ortseingang von Hebron, ist ein einflußreicher Geschäftsmann. Seine Firma, 1972 gegründet und ausgestattet mit" einer Lizenz des schweizerischen Oerlikon Konzerns, beliefert heute das gesamte Westjordanland, den Gaza Streifen und arabische Nachbarstaaten: 45 Prozent der Exporte gehen nach Jordanien Über Zukunftsprojekte äußert Kamal Hassouneh sich noch zurückhaltend, "vorher brauchen wir Stabilität und konkrete Rahmenbedingungen, die die Investoren schützen". Er warnt Privatinvestoren vor dem öffentlichen Sektor. "Wir haben die Lektionen aus Osteuropa und aus Ägypten gelernt, wo die meisten staatlichen Fabriken bankrott gingen "

Ihm geht es darum, reiche Palästinenser in der Diaspora dazu zu bewegen, ihr Geld in den autonomen Gebieten anzulegen "Ich schlage ihnen vor, sich auf Tourismusprojekte zu spezialisieren: Wir haben hier das Heilige Land, ein gutes Klima, das Tote Meer. Vielleicht können wir bald 5 Sterne Hotels in Hebron und Bethlehem bauen. Außerdem brauchen wir kleine Dörfer oder Städte mit intakten Infrastrukturen Kamal Hassouneh hat deshalb vor kurzem eine palästinensische Investmentgesellschaft mit Sitz in Liberia gegründet. Anleger aus Jordanien, Amerika und Europa haben ihm bereits 200 Millionen Dollar versprochen. Etwas verunsichert reagiert der Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer von Nablus, Maax Nabulsi, auf die Frage nach den künftigen Wirtschaftsbeziehungen mit Israel. Nach 27 Jahren Besatzung sei es nicht leicht, aus den Verbindungen einfach auszubrechen. Das gemeinsame Wirtschaftsabkommen, das Ende April in Paris unterzeichnet wurde, müsse aber erst einmal genau studiert werden. Er hofft auf höhere Exporte nach Jordanien. Es geht um Seife, Öl, Schuhe und Plastik.