Unter der provisorischen Verwaltung der Industrie- und Handelskammer soll vielleicht schon im Juni in Nablus ein Amt für Standardisierung und Warenkontrolle eröffnet werden "Bisher gab es so etwas nicht in der Westbank und in Gaza", sagt Maax Nabulsi. Später soll daraus eine öffentliche Einrichtung entstehen.

Das Dilemma der palästinensischen Wirtschaft wird überall deutlich. Zwar soll, wenn alles gutgeht, die Autonomie (zunächst auf Jericho und den Gaza Streifen beschränkt) binnen drei Jahren das gesamte Westjordanland umfassen, doch auch dieses Gebiet ist für eine eigenständige Wirtschaft zu klein. Die Palästinenser sind in jedem Fall von ihren Nachbarn abhängig. Um künftig eine eigenständige Politik treiben zu können, müssen sie einerseits zu den ehemaligen Besatzern Distanz wahren - für einen schnellen Aufschwung sind sie andererseits auf Israel angewiesen. Eine Trennung würde den Zugang zum israelischen Markt für Arbeitskraft und Konsumgüter versperren, der die palästinensische Wirtschaft in Schwung hält. Doch der Kampf um die eigene Identität scheint vielen zunächst wichtiger als ökonomische Notwendigkeiten. Wenige Wochen nach dem Osloer Abkommen hatte das erste Joint venture zwischen Israel und den Palästinensern deshalb eine heftige Kontroverse ausgelöst. Dafür sei es zu früh, lautete das Argument der Gegner. Eine Umfrage des Center for Palestine Research and Studies unter Akademikern, Geschäftsleuten und lokalen Führungspersonen wollte wissen, ob die jetzigen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen eine Zusammenarbeit zwischen palästinensischen und israelischen Investoren erlauben. 74 Prozent antworteten mit nein, 13 Prozent mit ja. 53 Prozent der Befragten glaubten, daß es "ein großer politischer Fehler wäre, wenn ein palästinensischer Geschäftsmann Partner von Israelis würde".

Die Wahl besteht zwischen zwei Übeln: die Kosten einer völligen Trennung bezahlen oder das Risiko einer Dominierung der Wirtschaft durch Israel in Kauf zu nehmen. Eine enge Zusammenarbeit mit Israel scheint vielen Palästinensern nicht möglich, ehe sie nicht ihren Weg in der arabischen Welt klarer sehen. Schließlich besteht der arabische Boykott weiter, der es arabischen Unternehmen nicht erlaubt, mit Israel Geschäfte zu machen. Laut jedenfalls trauen sich nur wenige Palästinenser zu sagen, daß es ohne Israel im Grunde nicht geht.

Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) beträgt die Arbeitslosigkeit im Westjordanland 25 Prozent und im Gaza Streifen 41 Prozent. Künftig müßten jährlich 12 500 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Das Bevölkerungswachstum im Gaza Streifen liegt mit 4 6 Prozent im Jahr weltweit mit an der Spitze. 12000 ehemalige Gefangene müssen ihren Platz wieder in der Gesellschaft finden. PECDAR hat zunächst ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für 15000 Menschen fortgesetzt, das noch von den Israelis gestartet wurde, als die Gebiete aus Sicherheitsgründen abgeriegelt waren.

Die Verbindungen mit der israelischen Wirtschaft zu stoppen käme einer Katastrophe gleich, sagt der israelische Ökonom Jacques Adda, der am Truman Research Institute for the Advancement of Peace in Jerusalem forscht. Er arbeitet an einem von der EU finanzierten Projekt über die Zukunft der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Israel, Westjordanland und Gaza. Wirtschaftsexperten von beiden Seiten arbeiten hier gemeinsam. "Ein Drittel der palästinensischen Arbeitskraft war in den letzten 25 Jahren in Israel beschäftigt, vor allem im Bauwesen und in der Landwirtschaft. Vierzig Prozent der Menschen in Gaza, die über einen Arbeitsplatz verfügen, verdienen ihr Geld in Israel Die Arbeitsverhältnisse erforderten allerdings in Zukunft "gesündere Bedingungen", ergänzt Jacques Adda. Das heißt auch bessere soziale Absicherungen für die palästinensischen Arbeitnehmer.

In dem Wirtschaftsabkommen wurde festgelegt, daß Israel künftig 75 Prozent der Einkommensteuerzahlungen palästinensischer Arbeitnehmer, die in Israel arbeiten, an die palästinensische Autonomiebehörde abführen muß. Zwar kann die israelische Wirtschaft mit ihrem Bruttosozialprodukt von 66 Milliarden Dollar in diesem Jahr auch ohne arabische Gastarbeiter funktionieren, die palästinensische Ökonomie hingegen braucht die Gastarbeiterüberweisungen in Höhe von jährlich 950 Millionen Dollar wie die Luft zum Atmen. Aber auch für Israel gilt: Hungrige Nachbarn sind schlechte Nachbarn.

Das durchschnittliche Pro Kopf Einkommen der Palästinenser ist mit 1640 Dollar (1991) zwar nicht vergleichbar mit Israel, liegt aber immer noch höher als das Jordaniens (1261 Dollar) oder Ägyptens (630 Dollar). Wirtschaftlich hatten die besetzten Gebiete zunächst von der Integration in die Wirtschaft Israels profitiert mit Wachstumsraten, die bis in die achtziger Jahre hinein deutlich über dein Durchschnitt der Region lagen. Mit dem nachlassenden Ölboom, dem Beginn der Intifada im Dezember 1987 und der Isolierung der Palästinenser nach dem Golfkrieg ging es bergab. Das heutige Wirtschaftsabkommen zwischen Israel und den Palästinensern schafft Voraussetzungen für die Zusammenarbeit in den Bereichen Zoll und Steuern sowie Industrie, Handel, Landwirtschaft und Tourismus. Zwischen dem israelischen Hoheitsgebiet und den autonomen Gebieten wird es keine Grenzen mit Zollmauern geben. Mit wenigen Ausnahmen einigte man sich auf freien Warenaustausch. Der palästinensische Ökonom Samir Huleileh glaubt, daß das Wirtschaftsabkommen mit Israel eine sofortige Senkung der Produktions- und Lebenshaltungskosten nach sich zieht. Der Grund: niedrige Steuern, geringere Zollgebühren, freie Preisgestaltung für Ölprodukte mit Ausnahme von Benzin, dessen Preis höchstens fünfzehn Prozent unter dem israelischen liegen darf. Die Vorteile der palästinensischen Wirtschaft liegen auch in dem relativ hohen Bildungsgrad der Bevölkerung - dem höchsten in der arabischen Welt - und in der Erfahrung mit dem israelischen Arbeitsmarkt.