Endlich! Nun kommt endlich Jugend, Schwung und Farbe ins aschgraue deutsche Feuilleton! Die Terrorherrschaft der Fachkritiker, der sogenannten Rezensenten, geht langsam, aber unaufhaltsam zu Ende. Frische, unverbrauchte Talente drängen auf die Szene.

Die Debütanten dieser Woche sind: der Kunstkritiker Edmund Stoiber (52) und der Theaterkritiker Rudolf Augstein (70).

In der ganz entzückenden Serie der Süddeutschen Zeitung "Bilder der Erinnerung" darf schon in der zweiten Folge der bayerische Ministerpräsident sein Lieblingsbild aus den Beständen der Alten Pinakothek lyrisch beschwören: Es ist Nicolaes Berchems "Italienische Landschaft im Abendlicht". Stoiber: "Während die Täler in der beginnenden Dunkelheit versinken und die Berggipfel im Steiflicht der Sonne aufleuchten, spannt sich darüber das weite Gewölbe des Himmels, dessen Farbe in zarten Abstufungen vom kühlen und klaren Blau bis ins warme Rot reicht."

Zuerst dachten wir, das mit dem "Steiflicht" müsse doch wohl ein Druckfehler sein, aber dann (uns die zugleich lichte wie steife, steife wie lichte Gestalt Edmund Stoibers vors innere Auge führend) erkannten wir darin den ehrgeizigen Stilisten Stoiber, der im weiteren Verlauf seiner Bildbeschreibung das eben nicht vom südlichen Steiflicht besonnte Deutschland höchst kühn und originell als das "komatisch unwirtlichere und vermeintlich geschäftigere und gehetztere Land" geißelt, aus dessen komatischer Unwirtlichkeit nur noch die Flucht hilft von der bayerischen Staatskanzlei kopfüber ins ziegenmilchwarme italienische Idyll.

Nach dem Stoiberschen Prosasonnenbad bringt Rudolf Augsteins Bericht über Zadeks "Antonius und Cleopatra" zunächst eine gewisse Abkühlung. Denn dem Herausgeber Augstein hat es im Theater an der Wien leider gar nicht gefallen (vier Stunden ohne Pinkelpause! der Held immer mit Whiskyflasche!), was ihn freilich zu der glänzenden Pointe inspiriert, Zadek habe das Stück "in den Wüstensand gesetzt". Sehr schade! Macht aber gar nichts.

Denn erstens hat die stolze Spiegel-Redaktion den Beitrag ihres Herausgebers als eine morgenländische Orgie des Buntjournalismus inszeniert (sechs Farbbilder auf drei Seiten, da wird man bei Focus erbleichen!), und zweitens und letztens liefert der Theaterkritiker Augstein Hintergrundmaterial, wie es die faul und fett gewordene Theaterfachkritik dem Leser schon lange nicht mehr geboten hat. "Eva Mattes, so hört man, hat für diese Rolle zehn Kilo abgenommen." Kein Kerr, kein Luft, kein Stadelmaier hat uns so Gewichtiges jemals mitgeteilt!

PS: Dr. Edmund Stoiber, so hört man, wird im Falle einer bayerischen Wahlniederlage als zweiter Ressortleiter neben Dr. Johannes Willms dem SZ-Feuilleton beitreten.