Ichiro Ozawa, dessen Name in Japan für den ersten großen politischen Reformversuch seit Jahrzehnten steht, warf während einer Amerikareise vor einigen Jahren auch einen Blick in die Tiefen des Grand Canyon "Da standen keine Zäune, obwohl viele Leute hinkamen. In Japan hätten an einem solchen Ort tausend Schilder mit der Warnung Zutritt verboten gestanden", erinnerte sich Ozawa später. Die Schlußfolgerungen für sein politisches Programm: "Wir müssen die Zäune in unserer Gesellschaft einreißen. Auch wenn den Japanern soziale Regeln lieber sind als die Freiheit. Von nun ab soll jeder Japaner für sich selbst verantwortlich sein "

Seitdem sind in Japan einige Zäune gefallen. Vielen gilt der neokonservative Ichiro Ozawa, der weniger Staat und mehr Eigeninitiative propagiert, bereits als einflußreichster Nachkriegspohtiker. Allerdings hat sich Ozawa nun weit vorgewagt, er steht an einer Klippe, bei einem Fehltritt könnte er sich politisch das Genick brechen. Seit drei Wochen regiert die von Ozawa faktisch geführte Mannschaft mit dem neuen Premierminister Tsutomu Hata an der Spitze nur noch mit einem Minderheitenkabinett. Im Vertrauen auf neue Überläufer aus den anderen Parteien zog es Ozawa während der Regierungsumbildung im April vor, die unzuverlässigen Sozialdemokraten aus der Regierungskoalition zu vergraulen. Bisher freilich blieben die Verstärkungstrappen aus: Für eine Mehrheit fehlen Ozawa und Hata derzeit 69 Stimmen im Parlament. Eine Rückkehr der Liberaldemokratischen Partei (LDP) an die Macht ist deshalb nicht mehr auszuschließen. Doch Ichiro Oawa, den das Wall Street Überlegungen weit von sich. Premierminister Hata, der sich selbst als "Schauspieler Ozawas" bezeichnet, berief sich auf die "historische Mission" der Reformkräfte und erklärte: "Diese Regierung ist nicht pessimistisch "

Warum auch? Unter dem Kommando Ozawas brach die Opposition im vorigen Jahr das Machtmonopol der bis dahin unangefochten regierenden LDP und übernahm die Regierung. Die Reformer bekannten sich zu Japans Kriegsschuld, gestatteten gegen großen Widerstand Reisimporte und brachten schließlich eine Wahlreform auf den Weg, welche die Rückkehr der LDP an die Macht auf ewig ausschließen sollte. Obwohl dabei die großen Strukturveränderungen - Deregulierung der Wirtschaft und Verwaltungsreform des Staates - warten mußten, konnten die Regierenden nach acht Monaten eine stolze Bilanz vorlegen. Was also sollte sie jetzt gefährden?

Die Antwort lautete: Ichiro Ozawa. Der Einfluß dieses Mannes, dessen politische Voraussagen eine nach der anderen einzutreffen schienen, begann die Japaner zu beunruhigen. Sie hatten nicht vergessen, wie Ozawa noch vor wenigen Jahren als Generalsekretär der LDP im Zentrum der politischen Korruption agierte. Und sie mochten seine kompromißlosen Methoden nicht. Als Ozawa schließlich die Sozialdemokraten ohne viel Federlesens aus der Regierung jagte und Premierminister Hata darüber nicht einmal vorab informierte, weckte er das alte Mißtrauen der Japaner gegen jeden übermächtigen Politiker Über Jahrhunderte galt starke politische Führung in Japan als unpopulär, seit dem verlorenen Weltkrieg um so mehr. Die Japaner hatten ihren jüngst zurückgetretenen Premier Morihiro Hosokawa so begeistert gefeiert, weil er nie autoritär wirkte und dem Volk jeden weiteren Schritt zu Veränderungen auf dem Fernsehschirm sorgsam erklärte.

Für solche Rücksicht auf seine Wähler nahm sich Ichiro Ozawa hingegen nie Zeit. Ihm war die Sucht seiner Landsleute nach dem Konsens stets zuwider "Im Tausch für Schutz und Sicherheit durch die Gesellschaft opfern die Japaner ihre eigene Meinung", schrieb Ozawa in seinem Bestseller "Entwurf für ein neues Japan". An seiner Arroganz könnte der selbsternannte Systemveränderer jetzt scheitern.

Erzwingt die Opposition nämlich schnelle Neuwahlen, wird Japan ein weiteres Mal nach dem alten, für die LDP besonders günstigen Wahlsystem wählen. Denn bis zur Umsetzung der Reform, die eine neue Gliederung der Wahlkreise voraussetzt, werden noch einige 1 Monate vergehen. In dieser Zeit müssen Ozawa und Hata nun auf die Schwäche ihrer Gegner vertrauen. Tatsächlich bieten Liberal- und Sozialdemokraten trostlose Alternativen zu den Reformern. Beide Altparteien, die jetzt gemeinsam die Opposition bilden, sind in den eigenen Reihen heillos zerstritten. Reformorientierte Liberaldemokraten unter dem ehemaligen Premierminister Toshiki Kaifu haben in den vergangenen Tagen schon versichert, sie würden einen Mißtrauensäntrag gegen Hata nicht mittragen. Währenddessen vermochten sich die Sozialdemokraten in der Opposition nicht darauf verständigen, wem sie derzeit näherstehen: der Regierung oder dem alten politischen Gegner LDP. So könnte Ozawas Strategie aufgehen, bis zu den nächsten Wahlen noch genug Kräfte aus der Opposition in die Regierung einzubeziehen.

Japan ist in eine neue Phase des Reformprozesses eingetreten. Nach der Spaltung der AntiLDP Koalition konkurrieren nun drei relativ geschlossene Lager miteinander: die neokonservativen Reformer um Ozawa mit Hilfe liberaler Wirtschaftskreise, die sozialdemokratischen Kräfte, getragen von den Gewerkschaften; die altkonservativen Liberaldemokraten, die von der Ministerialbürokratie unterstützt werden. Erst wenn eines der Lager groß genug ist, allein die Regierung zu stellen, wird die japanische Politik wieder in ruhigere Fahrwasser gleiten.