Von Sibylle Tönnies

Gegenüber der Bedrohung von rechts drängen die restlichen Linken aneinander und versuchen, als Herde zusammenzubleiben. Schwarze Schafe werden ausgesondert: In der Not baut sich eine linke Orthodoxie auf, die Häretiker bekämpft. Ist der linke Restbestand auch noch so klein, kann er doch selbst denjenigen Verletzungen zufügen, die sich vor zehn oder zwanzig Jahren ideologisch losgesagt haben, denn auch in ihnen glimmt ein Fünkchen linker Identität weiter. Ordnet man sie "rechts" ein, macht man sie heimatlos – oder, besser gesagt, macht man ihnen ihre Heimatlosigkeit bewußt.

Hinter der Sicherheit, mit der die Vertreter der Orthodoxie Häretiker denunzieren, verbirgt sich aber ebenfalls eine Angst vor Heimatlosigkeit, die auf ihrer Seite viel größer ist als auf der Seite der Denunzierten, die andere Wurzeln geschlagen oder sich in die Tatsache hineingefunden haben, daß man als denkender Mensch die Einsamkeit akzeptieren muß. Die Vertreter der Orthodoxie werden sich jetzt erst der Krise bewußt, die schon vor zwanzig Jahren begonnen hat, aber sie haben sich innerlich und nach außen so stark auf ihre linke Position festgelegt, daß sie keinen würdigen Abgang finden.

Wenn der linientreue Restbestand Häretiker aussondert – welches ist die Orthodoxie, an der er festhält? Überprüfen wir von dem Set an Ideen, der den Marxismus ausmachte, einige Bestandteile daraufhin, ob sie noch zu der gehüteten Orthodoxie gehören oder nicht: die Vorstellung, daß die Wirtschaftsweise für alle gesellschaftlichen Vorgänge verantwortlich ist und Ideen keine selbständige Rolle spielen können; die Ablehnung eines neutralen Standpunkts und das Bekenntnis zur Parteilichkeit; die Massenfreundlichkeit; die antirechtsstaatliche Grundhaltung; die ethisch-humanitäre und die pazifistische Ausrichtung.

Oberster Glaubenssatz der Marxisten war der, daß alle gesellschaftlichen Probleme auf einen "Hauptwiderspruch" zurückgeführt werden können, den Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital. Diese Annahme, die früher als Basisannahme angesehen wurde, auf der alle anderen Ideen als Überbau ruhten, ist weggefallen, ohne daß das Gebäude in sich zusammengebrochen wäre. War das Insistieren auf der Behauptung, daß ohne die grundlegende Veränderung der Produktionsverhältnisse, ohne die Expropriation der Produktionsmittel und ihre Überführung in Gemeineigentum kein Fortschritt zu erwarten und alle Anstrengung vergebens sei, der Kern der linken Identität gewesen, so hat man sich in dieser Frage erstaunlich schnell gelockert. Die Forderung nach Vergesellschaftung der Produktionsmittel hat man fallengelassen wie eine heiße Kartoffel.

/Man findet im Gegenteil unter denen, die sich weiterhin als rechtgläubig links ansehen, entschiedene Apologeten des Marktes. Sie huldigen dem Paradigma der Selbsttätigkeit und der Eigensteuerung – Prinzipien, die im Markt verwirklicht sind. Man hört in diesem Kreis Äußerungen, die man früher Manchesterliberalismus genannt hätte.

Diese Menschen halten sich deshalb weiter für rechtgläubig, weil sie nicht dem Idealismus anheimgefallen sind. Für sie ist ein basic ihres Links-Seins die materialistische Auffassung, daß die Verhältnisse sich nicht in ideengeleiteter menschlicher Anstrengung, sondern aus innerer Dynamik verändern. Solche innere Dynamik kam in der marxistischen Ideologie aus einer objektiven Tendenz der Produktivkräfte, sich höherzuentwickeln, einer Tendenz, die sich die Verhältnisse (nach den kapitalistischen die sozialistischen) schuf, die sie für ihre Verwirklichung brauchte. Menschen waren dabei nur die ausführenden Werkzeuge dieser dem Stofflichen immanenten Kraft.