Von Rob Kieffer

Wir kauen mit fachkundiger Miene auf Gerstenkörnern herum, um den Geschmack dieses elementaren Bier-Rohstoffes zu erkunden. Wir lassen uns die Funktionsweise des Maischbottichs erklären, dessen zerbeulter Kupfermantel Indiz für die handwerkliche, bis ins Jahr 1889 zurückreichende Brautradition der Brügger Brauerei "De gouden Boom" (Goldener Baum) ist. Dann blicken wir durch eine Art Bullauge in den Gärtank, wo eine bräunliche Masse schäumt und brodelt. "Obergärig", das sehen einige Kenner aus unserer Bierseminargruppe sofort und verdrehen entzückt die Augen. "Der Sud ist das Blut, die Hefe die Seele", versichert Brauingenieur und Mitbesitzer Paul Vanneste. In der Tat sind die Obergärigen die Stars unter Belgiens 400 verschiedenen Biersorten.

Es ist weniger wegen des untergärigen, eher schalen und dünnschaumigen belgischen Pils’, warum sich Liebhaber exotischer Gerstensäfte zu diesem dreitägigen "Bierseminar" im flandrischen Brügge einschreiben, sondern wegen der verwirrenden Vielfalt an Spezialbieren: vom säuerlichen "Gueuze", oft mit Kirschen oder Himbeeren angereichert, bis zu den starken, bernsteingoldenen bis nachtschwarzen Abtei- und Trappistenbieren. Der unersättliche Appetit der beiden großen belgischen Bierkonzerne Interbrew und Alken-Maes hat dazu geführt, daß immer mehr lokale Hausbrauereien geschluckt und ihre Produktion verlagert wurden. Vor dem Ersten Weltkrieg dampfte es in Brügge noch aus den Schornsteinen von 31 Brauereien, doch nur zwei sind übriggeblieben.

Im heimeligen, leicht antiquierten Backsteinambiente des Sudhauses von De gouden Boom wird uns allerlei Bierlatein eingetrichtert. In unseren Köpfen spuken nun gelehrte Begriffe wie Amylasen und Zymasen, Lupulon und Humulon herum. Höchste Zeit, daß der Brauereipatron uns zum Objekt der Begierde führt: zum Schankraum, der in einem mit alten Eichenfässern, Flaschenabfüllanlagen und dem Inventar einer Jahrhundertwende-Schenke ausstaffierten Braumuseum unterbracht ist.

"Ozapft is!" jubelt einer der Seminaristen, als schaumiges, trübes Brügger Weißbier in stämmige Humpen gefüllt wird. Die erfrischenden Weißbiere, noch vor Jahrzehnten fast ganz vom belgischen Markt verschwunden, haben eine erstaunliche Renaissance erlebt: Selbst in den USA, dem Land faden Dosenbieres, produziert eine Lizenzbrauerei mittlerweile belgisches, mit so ungewöhnlichen Zutaten wie Koriander und Curaçao gemixtes "Hoegaarden"-Weißbier.

"Dies sind mehr die Tropfen fürs stille Genießen an einsamen Abenden", meint Paul Vanneste, als er zum Pröbeln der beiden anderen Gouden-Boom-Erzeugnisse auffördert: die alkoholstarken, amberfarbenen Biere "Abdij Steenbrugge" und "Brugse Tripel" mit ihrem leicht karamelisierten Geschmack, – "nach Geheimrezepten meines Großvaters gebraut", wie der Brauer versichert.

Bierwissen muß unerbittlich gepaukt werden, und so werden wir gelehrigen Schüler gleich nach der morgendlichen Brauereivisite zum nächsten gambrinologischen "Hörsaal" geführt: der Kneipe "Brugs Beertje" (Brügger Bärchen) in der Kemelstraat. Die mit Bierreklamen auf Emailschildern vollgehängte, urgemütliche Pinte ist das Reich von Wirt Jan de Bruyne, dem allwissenden und standfesten Brügger "Bierologen". Ein Angebot von 300 belgischen Hopfen- und Malz-Wässern läßt Bierfans ins Schwärmen geraten. Unter dem wachsamen Auge des heiligen Arnold – eine Statue des Schutzpatrons der Brauer ist in einer Nische angebracht – begeben wir uns mit Jan de Bruyne auf Bierexpedition quer durch Belgien, Glas für Glas: vom Antwerpener "De Koning"-Bier über ein "Lambic" aus dem Pajottenland bei Brüssel bis zum "Hommelbier" aus Belgiens Hopfenstadt Poperinge.