Im vergangenen Juli zog die Moskauer Zentralbank in einer rücksichtslosen Blitzaktion alle vor 1993 gedruckten Rubelnoten ein. Damals fragte die ZEIT in einem Leitartikel, ob dieser Zwangsumtausch Boris Jelzin um sein letztes politisches Guthaben bringen solle. Sie brachte ihn für einige Zeit zumindest um den Haussegen. Das beschreibt der russische Präsident in seinem neuen Buch, in dem er sich sentimental und selbstkritisch, heroisch und kleinmütig portraitiert wie kein Kremlführer je zuvor. Jelzins postsozialistischer Realismus ist eine längere Leseprobe wert: "Sonnabend, 24. Juli. Endlich war ich im Urlaub angekommen. Ein leicht dahinplätscherndes Tischgespräch über Nebensächlichkeiten. Plötzlich trat der Diensthabende an meine Frau heran, flüsterte ihr etwas ins Ohr, sie entschuldigte sich und ging hinaus, Fünf Minuten später kam Naina zurück. Ohne sich wieder zu setzen, sagte sie: Borja, was ist passiert, was habt ihr euch da mit dem Geldumtausch ausgedacht? Ich schwieg. Alle unsere Tischgäste wurden unruhig. Naina berichtete, eben habe unsere Tochter Lena angerufen. Sie und ihr Mann Walera wollten am selben Abend nach Karelien zum Camping fahren. Heute morgen nun habe man gemeldet, in Rußland seien nur noch die neuen Banknoten gültig. Walera aber habe das gesamte Urlaubsgeld in alten Banknoten erhalten. Wieder fragte Naina: Börja, was habt ihr euch da ausgedacht? Weißt du überhaupt davon?

Ich wußte davon. Ich kannte das Datum, an dem die Aktion beginnen sollte. Der Umtausch wurde notwendig, weil seit der Erstausgabe neuer Banknoten eine ungeheure Hut alten Geldes aus den ehemaligen Unionsrepubliken nach Rußland strömte. Wenigstens uns hättest du Bescheid sagen können, entfuhr es meiner Frau. Das brachte mich aus der Fassung, und ich brüllte los: Was! Niemand darf etwas wissen, aber meine Sippe weiß Bescheid? . Ich beruhigte mich langsam und könnte nur verärgert feststellen, daß wieder einmal etwas falsch gelaufen war " Das Leben des Trampers, Maurers, Ingenieurs, Zimmermanns und Zaren ohne Sowjetmacht hat stets aus Überraschungscoups bestanden. Und immer wieder ist "etwas falsch gelaufen". Boris Jelzin mutete anderen, vor allem sich selber ständig Verletzungen zu - so warb er um Anerkennung in halsbrecherischem Wiederholungszwang. Ein Stuntman der Politik - und fürwahr kein Aussitzer wie sein großer Freund Helmut Kohl, den er vergangene Woche in Bonn besuchte. Aussitzen verlangt Konsens mit sich selbst. Den hat Jelzin, was ihn bei allen Fehlern so glaubhaft macht, nie gefunden. Auch die egomanische Selbstsicherheit seines großen Feindes, des Einser Juristen Michail Gorbatschow, den er jetzt einen "listenreichen östlichen Herrschertyp" nennt, hat Rußlands heutiger Präsident nie besessen: "Aus irgendeinem Grunde muß ich unbedingt die Tribüne erreichen, darf mich nicht blamieren, nicht fehlen. Schreckliche Angst ""

Seine Rebellionen, Niederlagen und Rehabilitierungen hat Jelzin schon vor Jahren in den "Aufzeichnungen eines Unbequemen" beschrieben. Als jenes Buch erschien - bei dem ihm, wie auch jetzt wieder, der Moskauer Journalist Walentin Jumaschew die Feder führte , kommentierte der Gladiator: "Immer liege ich mit irgend jemandem im Kampf "

Der übergroße Irgendjemand, der den in der gnadenlosen Zeit der Zwangskollektivierung geborenen Jungen zu Aufsässigkeit und Verletztheit getrieben hatte, war der Vater (Ohne auf ihn näher einzugehen, hat der Präsident die vor einigen Jahren gefundene Strafakte des "entkulakisierten" Nikolaj Jelzin von 1934 in das Buch aufgenommen ) Nach drei Jahren Lagerhaft prügelte der entwurzelte Bauer seine Verzweiflung in den Sohn hinein, während sich die Mutter (ihr ist das neue Buch gewidmet) ständig dazwischenwarf. Diesem Erfahrungs- und Beziehungsmuster ist Jelzin, wie er in seinen alten Aufzeichnungen dokumentiert hat, lebenslang gefolgt. Seine jetzige Bilanz, die ungleich selbstquälerischer und unverblümter erscheint als die Ikonographien seiner Vorgänger und die maßgeschneiderten Memoiristika westlicher Staatsmänner, gewinnt erst durch die Vorgeschichte ihre eigentliche Dimension. Den Vater lösten einst die Lehrer ab, später die ZK Abteilungen, das Politbüro und am Ende der ganze Kommunismus. Die mütterliche Anerkennung, den Beifall und den Schutz, boten die Schüler, Sportsfreunde, Bürger, Massen und schließlich Mütterchen Rußland selbst.

Aufstände des Gladiatoren gegen Privilegien, Provinzrursten und Partei. Kraftakte statt Kontinuität. Was kann auch anderes imponieren in einem Land, in dem die wichtigsten und gewinnbringendsten Voraussetzungen für tägliche Kleinarbeit nie entwickelt worden waren - von Handels- und Gewerbemonopolen bis zu Gewaltenteilung und Privateigentum - und in dem deshalb Hilfe und Schuld gleichermaßen bei der nächsthöheren Instanz gesucht werden?

Nur: Am Ende kämpfte sich der Gladiator selbst bis zur höchsten Instanz hinauf, um den gordischen Knoten zu zerschlagen. Nicht einmal Partei, Parlament und Sowjets waren da noch über ihm. Und die von Jelzin aufgehobene Preisbindung zwang Mütterchen Rußland zur verzweifelten Kleinarbeit des täglichen Lebens.

Da trennten sich die Wege. Mütterchen Rußland tief unten versagte Boris da oben die gewohnte Anerkennung. Das ging schon über des Messers Schneide hinaus. Jelzins Buch ist das Produkt der Trennung. Trauerarbeit und Rechtfertigung aus der Einsamkeit des Postkommunisten. Ohne es direkt auszusprechen, versucht sich Jelzin heute für drei Entscheidungen zu rechtfertigen. Ende 1991 habe er Rußlands Größe durch die Auflösung der UdSSR in keiner Weise schmälern wollen. Anfang 1992 habe er Rußlands Bürger durch seine Schocktherapie nicht in Armut und Elend gestoßen. Und im Oktober 1993 sei er durch den blutigen Ausbruchsversuch des reformfeindlichen, von ihm eingeschlossenen Parlaments völlig überrascht worden. Die erste Position begründet er relativ, überzeugend, die zweite sympathisch, aber auch blauäugig, die dritte reichlich vage.