Auch wenn die Gespenster, die das Gruseln lehren, am hellichten Tag und im eleganten Anzug ohne Totenkopf und Schwarzhemd auftreten: Das Erschrecken, das Italiens Neofaschisten durch ihren Marsch an die Hebel der Macht in aller Welt ausgelöst haben, wirkt sogar wie ein Bumerang. Fast kleinlaut klangen ihre Siegestöne, als die "nationale Allianz" mit fünf (von 25) Ministern und zwölf (von 38) Staatssekretären in die Regierung der Rechtskoalition Silvio Berlusconis eintreten durfte. Spürbar frostig vereidigte Staatspräsident Scalfaro im römischen Quirinals-Palast die Neulinge auf die alte, antifaschistisch geprägte Verfassung der Republik.

Und offensichtlich besorgt um den Ruf seiner neuen "Firma", trat dann Berlusconi Anfang dieser Woche vor den Senat, das Oberhaus des Parlaments, wo er – im Unterschied zur Abgeordnetenkammer – der absoluten Mehrheit nicht ganz sicher sein konnte. Ohne allzu konkret zu werden, ohne den Rücktritt von seinen Privatgeschäften zu erklären, ohne gar sein Regierungsprogramm zu präzisieren, warb er um Vertrauen. Bieder beteuerte er Treue zu Freiheit und Demokratie, zu Italien als Einheitsstaat (den seine Partner von der lombardischen Lega mindestens föderalisieren möchten) und zu Europa "in den bestehenden Grenzen" (an denen manche seiner neofaschistischen Verbündeten gern rütteln würden).

Die Eleganz des Auftritts mag besänftigen, garantieren kann sie nichts. Das zeigte sich schon, als kurz vor Berlusconis gefälligem Auftritt im Parlament häßliche Vorzeichen den Horizont der angeblichen Erneuerung verdüsterten. Zum ersten Mal durften einige hundert Naziskins mit offizieller Genehmigung des örtlichen Polizeichefs grölend durch das norditalienische Vicenza marschieren. Im Schwarzhemd und mit "Sieg Heil"-Rufen (auf deutsch) umjubelten sie ihren Führer, der auf der Piazza San Lorenzo verkündete: "Unsere Ideen sterben nicht, weil wir faschistischen Stil haben".

Alarm in Rom? Fast zwei Tage verlegenes Schweigen der neuen Regierung. Bis sie den Polizeichef von Vicenza zurückpfeifen ließ, meldete sich Gianfranco Fini, der "postfaschistische" Vorsitzende der nationalen Allianz zu Wort: Seine "schlimmsten Feinde" seien diese Demonstranten von Vicenza, Nazis nämlich, nicht Anhänger seines Faschismus, "der etwas ganz anderes war". Ein solches Alibi nützt wenig, eher schon ein anderes, harmloseres, das zur gleichen Zeit aus Treviso geliefert wurde. Hier versammelten sich am vorigen Wochenende ganz friedlich 300 000 alte und junge Krieger samt Familien, Alpini, Gebirgsjäger aller Schlachten von 1915 bis 1945, faschistische und antifaschistische Veteranen. Sie trugen alle die gleiche schwarze Feder am Hut und waren vereint "mit weinenden Müttern, deren gefallene Söhne durch gegensätzliche Ideologien getrennt waren" – so tönte es aus den Lautsprechern. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, hieß die Parole: "Italien muß sich ändern, die Alpini nicht!" Wie das aber zu verstehen sei, erklärte der erste Patriot des Landes, Präsident Scalfaro, der dazu eigens angereist war: "Italien über alles, über allem und allen", sagte er – natürlich auf italienisch ...

Gerührt dankte ihm der neue Verteidigungsminister Cesare Previti, sechzigjähriger Sohn eines "großen Faschisten" und selbst ehemaliger Neofaschist, der von sich meint, er sei zugleich "immer ein Liberaler gewesen". Seit 25 Jahren ist er Berlusconis Freund und Privatadvokat in dessen Geschäftsimperium Fininvest, und allzu gerne hätte dieser ihn in seiner Regierung als Justizminister gesehen. Antonio Di Pietro, der oberste Verfolger aller korrupten Politiker, hatte das Amt dankend abgelehnt. Argwöhnte der Richter, daß man ihn wegbefördern wollte?

Doch auch Freund Previti bekam den Posten nicht, weil er als Hausjurist des Medienzars nicht gerade als guardasigilli, Siegelbewahrer der Justiz, zu taugen schien; als Minister für die Vaterlandsverteidiger hat er da weniger Probleme. Und das Justizressort bekam Alfredo Biondi, ein waschechter Liberaler, der den reumütigen Kriminellen künftig weniger glauben möchte.

Aus dem Wirrwarr der Regierungsbildung sind aber vor allem zwei Schlüsselfiguren hervorgetreten, die Berlusconi dazu ausersehen hat, den dramatischen Rechtsruck Italiens dem Land und der Welt als eine liberale Reformation, nicht neofaschistische Revolution glaubhaft zu machen: Innenminister und Vizepremier Roberto Maroni und Außenminister Antonio Martino, jeder auf seine Art ein ausgefuchster Taktiker.