Der Jubel über die überraschend kräftig ausgefallene Leitzinssenkung durch den Zentralbankrat hielt sich in den Börsensälen in Grenzen. Denn noch immer herrscht Unklarheit darüber, ob sich die deutschen Zinsen auf die Dauer von denen in den Vereinigten Staaten abkoppeln können. Der Rentenmarkt hat auf die Diskont- und Lombardsenkung deshalb auch nur verhalten reagiert. Die durchschnittliche Umlaufrendite öffentlicher Anleihen ist um etwas mehr als 0,2 Prozentpunkte auf unter 6,30 Prozent gesunken, liegt damit aber immer noch deutlich höher als am Jahresanfang mit 5,41 Prozent.

Der Deutsche Aktienindex (Dax) bewegt sich seit einiger Zeit in der Nähe seines bisherigen historischen Höchststandes. Wenn die Börsianer dennoch klagen, dann über die geringen Umsätze. Die Anleger, die zum Teil auf Basis der Spitzennotierungen Kursgewinne realisiert haben, warten auf einen kräftigen Rückschlag zum Wiedereinstieg; die Abgeber sehen in dem erreichten Niveau noch keinen Handlungsbedarf, zumal fast alle Banken für die kommenden Monate steigende Aktienkurse voraussagen.

In dieser Situation beschränkt sich der Berufshandel auf Geschäfte mit wechselnden Schwerpunkten. Heraus kommt, was die Börsianer Branchenrotation nennen. Gewechselt wird aber auch innerhalb der Branchen. So am Wochenanfang von Veba in RWE. Der Bericht über "das erste Quartal 1994 hat den Veba-Kurs überdurchschnittlich steigen lassen, während RWE-Aktien eher auf der Stelle traten. Ein solcher Wechsel von Papier zu Papier ist hauptsächlich etwas für die nicht mit vollen Spesen belasteten Profis. Für private Anleger – so wird gesagt – sei es sinnvoller, auf guten Papieren einfach auszuharren.

Überrascht hat die Kursexplosion der Aktien der Metallgesellschaft, die bis knapp 290 Mark zog. Ihr Tiefstkurs lag in diesem Jahr bei 175 Mark. Als Grund für die Käufe wurde das neue Sparkonzept der Gesellschaft genannt. Die Schweizerische Bankgesellschaft prophezeit der MG-Aktie in den nächsten zwei Jahren sogar ein Kursziel von 450 bis 500 Mark. Die am Sanierungskonzept beteiligten Banken sehen den Kursanstieg mit Wohlbehagen. Sie hatten sich verpflichtet, im Zuge der Sanierung MG-Aktien zum Preis von 250 Mark zu übernehmen, und wie es heute aussieht, werden sie darauf nicht einmal Abschreibungen vornehmen müssen. K.W.