NEW YORK - In diesen Tagen jährt sich das Unglück von Tschernobyl.

Acht Jahre ist es her, daß der Atomreaktor 50 000 Tonnen radioaktives Material in die Luft schleuderte - die zehnfache Menge dessen, was über Hiroshima niedergingDie Erinnerung an Tschernobyl ist verblaßt; heute richten sich die Blicke der Welt auf Bosnien und Ruanda. Aber die Menschen, die in den verseuchten Gebieten der Ukraine, Weißrußlands und Westrußlands leben, leiden unter den Folgen der Explosion in einer unvorstellbaren Weise.

Am härtesten traf es die (mittlerweile autonome) Republik Weißrußland. Dort gingen siebzig Prozent der Radioaktivität nieder.

Fast die Hälfte der zehn Millionen Weißrussen lebt in nach wie vor kontaminierten Regionen; die verheerenden Folgen beginnen sie erst jetzt zu erkennen. So stieg die Anzahl der Schilddrüsenkrebs Erkrankungen gewaltig an, vor allem bei Kindern: Seit dem Unfall wurden 237 Fälle diagnostiziert; normalerweise taucht diese Erkrankung bei Kindern unter fünfzehn Jahren in einem Verhältnis von eins zu einer Million auf.

Andere Krebsarten, Anämien, Funktionsstörungen des Immunsystems und Erkrankungen der Atemwege haben sich ebenso vermehrt. Aus Angst vor genetischen Schädigungen knickte die Geburtenrate erkennbar ab. Immer mehr Kinder werden mit dem DownSyndrom geboren. Grauenvolle Mutationen finden sich auch bei Tieren und Pflanzen.

Die Auswirkungen der Verstrahlung multiplizierten sich, weil die radioaktiv belasteten Nahrungsmittel über die ganze Sowjetunion verteilt wurden. Noch heute, acht Jahre danach, wachsen Kartoffeln, Gurken, Zwiebeln und Blattgrün in hochverstrahlten Gebieten. Auf manchen Bauernhöfen, die offiziell geschlossen wurden, bauen die Landwirte nach wie vor an; örtliche Behörden verdienen daran sogar Steuern. Die Menschen wissen, daß das Fleisch und das Gemüse, das sie anbauen, verseucht ist.

Aber sie haben nur die traurige Wahl: sich vergiften oder hungern.