Von Rüdiger Dilloo

Jetzt hört man wieder Flöten in Manhattan. Rohrflöten, Blockflöten, Panflöten tremolieren über dem Rauschen des Verkehrs. Auch der Operettensänger aus Fernost ist wieder da, sitzt vor dem Rathauspark auf seinem Lautsprecher und zwingt seiner Stimme Johann-Strauß-Walzer auf japanisch ab. Die Luft wird mild und milder. Die Kinder, befreit von schweren Jacken und Stiefeln, hüpfen und rennen durchs Gewühl am Broadway, als hätten sie etwas nachzuholen.

Als Bewohner einer Apartmentschublade in der großen Stadt konnte man, zumal mit Kindern, in der kühleren Jahreszeit schon klaustrophobisch werden. Man strapazierte sich endlos mit Basteln und Vorlesen, entspannte sich schlechten Gewissens, wenn die Kinder vor dem Cartoonprogramm saßen, und studierte freitags hoffend die Veranstaltungskalender: Was könnte man dieses Wochenende mit ihnen machen? Gibt’s was Neues für die Kids?

Unter "Activities for Children" macht das New York Magazine für die laufende Woche nicht weniger als 33 Vorschläge. Das Angebot für die Stadtkinder reicht vom rein kommerziellen Entertainment über Spiel und Sport bis zu hochklassiger Kultur. Es ist ein riesiger Markt, und er ist – in unserem Zeitalter bemühter Eltern, die ihren Kindern jede mögliche Anregung zugute kommen lassen wollen – noch lange nicht gesättigt. Vor allem vergnügliche Unterhaltung in Verbindung mit lehrreicher Instruktion ist gefragt. Welches Potential darin steckt, haben die Planer und Macher von Kindermuseen begriffen, in den USA schon seit zwei Jahrzehnten, neuerdings auch in Deutschland.

Kindermuseen? Bis etwa 1970 gab es auch in Amerika nur wenige, die bekanntesten in New York (im Stadtteil Brooklyn), in Boston und Indianapolis. Inzwischen sind hier mehr als 200 neue Museen für Kinder entstanden; allein New York City hat heute fünf. In Deutschland will man sich daran ein Beispiel nehmen. In Berlin galt im vergangenen Jahr eine internationale Fachtagung dem Thema "Kinder- und Jugendmuseum – Kulturort mit Zukunft"; in Hamburg, München und Nürnberg wurde die Ausstellung "Kindermuseen in den USA" gezeigt; in vielen Städten setzen sich Vereine und Gruppen für Kindermuseen ein.

Die fünf Kindermuseen in New York sind sehr unterschiedlich in Größe, Absicht und Funktion, aber ihren Sinn haben sie alle, irgendwie. Zum Beispiel das Kinder-Kunstmuseum (Children’s Museum of the Arts) in Manhattans Galerienviertel SoHo. Nun ja, es ist nicht viel größer, als sein Name lang ist, aber Eltern schätzen es als Aufbewahrungsort, wo die Kleinen (schon von achtzehn Monaten an!) mit Malen, Töpfern und Geschichtenhören beschäftigt sind, während die Großen Galerien besuchen. Auch Kindergeburtstage richtet dieses "Museum" aus: 450 Dollar kostet das für fünfzehn Kinder, inklusive Pizza, Kuchen und Saft.

Geld muß in die Museumskassen, privates Geld; denn vom Staat haben sie, wie überhaupt Kunst und Kultur in den USA, nur Brosamen zu erwarten. The National Endowment of the Arts, eine Art Kulturbehörde der Regierung in Washington, hat 1993 für die Künste ganze 170 Millionen Dollar ausgegeben, weniger, als das Verteidigungsministerium allein Sir seine Militärkapellen lockergemacht hat. Also muß die Kultur auf Teufel komm raus um Geldgeber werben, um Mäzene, Spender und natürlich Laufkundschaft. Das Kunstmuseum von Baltimore verspricht seit neuestem Taxifahrern, die Besucher bringen, ein Lunchpaket.