Von Ulrich Schiller

Kann Haß eine Steigerung erfahren? Der Vorsitzende des kroatischen Helsinki-Komitees, Zvonimir Čičak, ist davon überzeugt. Ein Zusammenstoß von Albanern und Serben im Kosovo werde den Krieg in Bosnien in den Schatten stellen und nach Makedonien übergreifen. "Eine Million Tote in kurzer Zeit", glaubt Čičak, "denn das Ausmaß von Haß und Verwilderung ist schrecklich." Ein Hirngespinst?

Bilder von der nächsten Apokalypse auf dem Balkan rumoren in vielen Köpfen, nicht nur im ehemaligen Jugoslawien. Auch amerikanische Experten sehen im Kosovo blutige Auseinandersetzungen voraus, wenn die Serben nicht schnellstens mit den dortigen Albanern in neue Autonomie-Verhandlungen eintreten und den Konflikt um Menschenrechte entschärfen.

Gefahr droht auch, wenn die junge, ungeduldige Generation der Kosovo-Albaner mit ihren radikaleren Ansichten zum Zuge kommt und alles auf die Karte der Unabhängigkeit setzt. Senatoren und Abgeordnete in der Helsinki-Kommission des amerikanischen Kongresses haben den Schlachtruf dieser Generation unlängst in Washington vernommen.

Alush Gashi, ein junger Akademiker aus Priština und Streiter für die Menschenrechte, stellte bei einer Anhörung zur Lage der Minderheiten in Serbien das Ziel unzweideutig klar: "Kosova (wie die Albaner Kosovo nennen) beruft sich auf sein Selbstbestimmungsrecht, auf einen unabhängigen Staat Kosova." Die amerikanischen Parlamentarier zeigten Sympathie für Gashis Vortrag, doch ihre Sympathie blieb unverbindlich. Kosovo ist ein heißes Eisen.

Die Vereinigten Staaten halten, zusammen mit der großen Mehrheit der internationalen Gemeinschaft, daran fest, daß den Albanern im Kosovo alle Rechte der Autonomie gebühren, die die Verfassung von 1974 ihnen gewährt hatte; Serbien unter Milošević hatte sie später außer Kraft gesetzt. Die Amerikaner beharren auch darauf, daß die Souveränität bei Serbien bleibe.

Den unabhängigen Staat "Kosova" hat nur Albanien anerkannt. In dessen Hauptstadt Tirana residiert sogar ein Teil der Kosovo-Regierung. Präsident Rugova und sein Premier Bukoshi sind indessen im Kosovo geblieben und haben trotz Unterdrückung und Schikanen aller Art einen Schattenstaat aufgebaut, dem lediglich das Gewaltmonopol fehlt.