Eine typische Februarnacht in den streets of Chicago, "wo man mildes Wetter nicht kennt": Licht und Schatten, Leere und Hektik, Lärm und Stille. Auf extreme Gegensätze sind die ersten Bilder aufgebaut, so, als existiere das Leben nur im Entweder-Oder.

In O’Flahertys Kneipe an der Ecke weitere Gegensätze: helle Räume und dunkle Nischen, der überfüllte Tresen und die verlassene Tanzfläche, die laute, stickige Atmosphäre um Schwätzer und Trinker und die konzentrierte, geradezu reine Haltung der Musiker auf der Bühne. An einem Tisch lachen ein paar angetrunkene Männer über ihren Freund, der unentwegt auf die schlanke, langhaarige Violinistin starrt, sie wetten, daß er keinerlei Chance bei ihr habe, daß er sie nicht einmal dazu bewegen könne, in seine Richtung zu lächeln. Der Mann nimmt die Herausforderung an, er steht auf und beginnt vor der Musikerin zu tanzen, wobei er sich nach und nach auszieht. Doch die Geigerin würdigt ihn keines Blickes. Völlig in sich versunken, bleibt sie einzig auf ihre Musik konzentriert. Erst als ihr Spiel beendet ist, öffnet sie die Augen – und man erkennt, daß sie blind ist. So kommt "Blink" zu seinem Thema: zum Gegensatz zwischen denen, die sehen können und doch vieles ignorieren, und der Frau, die zunächst nichts sehen kann und doch vieles präzise wahrnimmt. Blink, das meint ja nicht nur blinzeln oder zwinkern, sondern auch übersehen und hinwegsehen, the blinkers stehen für Scheuklappen.

Was so eher nebensächlich beginnt, bekommt rasch einen zusätzlichen thrill, als klar wird, daß der Mann Polizist ist. Und da, während wir den Alltag der Frau (Madeleine Stowe) verfolgen, die Arbeit der Polizei, ihre Suche nach einem serial killer stets präsent bleibt, suggeriert jeder Blickwechsel von ihm zu ihr eine Steigerung des Dramas um Gewalt und Leidenschaft, Gefahr und Nötigung, Angst und uralte Schuld.

Aus vielen Filmen wissen wir, daß über parallel montierte Handlungslinien eo ipso Spannung entsteht, weil klar ist, daß sie sich irgendwann treffen, kreuzen oder gar überlappen. Die Blinde und der Bulle, das scheint vom Sujet eher gängig. Doch die besondere Note kommt ins Spiel, als sie nach einer Augenoperation ihr Sehen neu zu lernen beginnt und dabei feststellen muß, daß ihr Bewußtsein das Gesehene oft erst mit Verzögerung sich aneignet. Die Frage lautet deshalb: Was von ihren Wahrnehmungen ist Realität und was bloße Halluzination?

Eines Nachts wird im Appartement über ihr eine Nachbarin ermordet und sie als Zeugin doppelt wichtig, für die Ermittler wie für den Täter. Nur: Was hat sie gesehen und was nur halluziniert? Eine moderne Ariadne ist sie! ein bißchen überfordert und ein bißchen zerstreut. Sie hält zwar den Faden in den Händen, nur weiß sie nicht immer, wo genau er sich gerade befindet. Dafür läuft ihr Theseus am Ende nicht weg.

Michael Apted, der mit seinen Filmen bewiesen hat, daß ihm professionelle Arbeit über alles geht ("Nashville Lady" 1980, "Gorky Park" 1983 oder auch "Halbblut" 1991), setzt hier voll und ganz auf die Spannung zwischen Glaube und Wissen, Obsession und Durchblick, Wahn und Wahrheit. Nichts ist gewiß und nichts von Dauer, doch es gibt eine innere Klarsicht, die dem Chaos trotzt.

Mord und Totschlag, Bedrohung, Verfolgung und Verhaftung, das ist die eine, die vordergründige Seite des Films. Die andere, die nachhaltig irritierende, ist Apteds Kunst, "ohne Hilfe des Dialogs eine dramatische Atmosphäre zu suggerieren und dank der eigenen Sensibilität den Zuschauer von einer Emotion zur anderen zu führen" – zu Verdacht, Eifersucht, Lust, Begierde, ohne die Charakterisierung der Figuren anzukratzen.

Spuk und Schreck als feuriges Blendwerk – als spannende Performance und bloßer Kinderkram zugleich, als stimmiges Spiel mit dem Ungewissen, dem Möglichen. Was zurückverweist auf das Untergründige alltäglicher Realität, auf die düsteren Träume innerhalb unserer Träume. Nichts ist sicher und nichts beständig. Oder anders, mit Edgar Allan Poe: "Ist nicht alles, was wir sehen oder scheinen, nur ein Alptraum innerhalb eines Alptraums?" Norbert Grob