Ob sich Georgi Dimitrow wohl im Grabe herumdreht? Auf seinem Marmormausoleum in der Stadtmitte von Sofia prangen Hakenkreuze und die Forderung nach einem "reinrassigen Bulgarien". Auch wenn die erste demokratische Regierung die sterblichen Reste des 1949 gestorbenen Kommunistenführers auf dem Zentralfriedhof Sofias vergraben ließ: Die FaschoGraffiti auf dem kommunistischen Grabmal sind mehr als eine Besudelung, sie sind ein Fanal. Der real existierende Sozialismus rühmte sich, den Faschismus "mit der Wurzel" ausgerottet zu haben. Doch in dem vermeintlich toten Boden wuchert erneut giftiges Kraut.

Die Hakenkreuz Schmierer sind meist ;unter zwanzig Jahre alt, einige kahlgeschoren; andere mit schnieken Fönfrisuren. Sie ;treffen sich im "Cafe Krawaj" am Kulturpalast und am Tresen der "Havana Bar" in der Witoscha Straße. Dort begrüßen die Eiferer, brav der Reihe nach, ihren Führer Georgi Wilhelm Gelemenow. Auf seiner schwarzen Schirmmütze steht unübersehbar "Captain", darunter ist nur noch Kopfhaut. Die Lederjacke, die Armeehose, die Springerstiefel - alles Schwarz in Schwarz. Der kleinwüchsige Mann war früher Pope in der orthodoxen Dimiter Kirche in Sofia, bis ihn der Bischof feuerte. Heute arbeitet er nach eigenem Bekunden "ganz rechts, wo nur noch die Wand ist".

Seine jungen Kämpfer hat Gelemenow zu einer "disziplinierten" Truppe zusammengeschweißt, 500 Mann, prahlt er; keine 100, schätzt die Polizei. Die Freizeitschläger sehen es als ihre "edle Aufgabe" an, "kriminelle Eindringlinge" zu bestrafen. In einem Studentenwohnheim verprügelten sie neulich Araber und Schwarzafrikaner. Regelmäßig ziehen Gelemenows Rächer zu "Strafaktionen" in das Viertel der Roma, die seit Jahrhunderten in Sofia leben. Dort exekutieren sie dann "gemäßigte Gewalt", röhrt der Mann in Schwarz, "nach der Devise: nur Schmerz, kein Blut".

Das Vorbild des ehemaligen Popen ist Adolf Hitler. Von dessen "Erfolgen und Fehlern" will er lernen; deshalb übersetzt er jetzt "Mein Kampf" für die Leseratten unter den Jungfaschisten ins Bulgarische Überhaupt, Deutschland liegt ihm am Herzen. Mit der NPD pflegt er eine Brieffreundschaft; auch CDU, CSU und die Hanns Seidel Stiftung schrieben ihm dereinst, als er bei der Suche nach einem Etikett auf "Christlich Demokratische Partei" verfiel. Kleiner Irrtum.

Finanziell wurde Gelemenow eine Weile aus Moskau ausgehalten: von dem militanten Faschi sten Aleksandr Barkaschow und dessen Bewegung Russische Nationale Einheit, die ihm zugleich einige Lektionen in Sachen Panslawismus erteilten. In Bulgarien helfen dem Sohn einer zwölfköpfigen Arbeiterfamilie ehemalige Kommunisten und Milizionäre, aber auch Angehörige des Verteidigungsministeriums, der Armee und der Polizei.

Was diese unheilige Allianz in ihren Alpträumen und Wahnvorstellungen umtreibt, faßt Gelemenow so zusammen: "Die Türken sollen sich in acht nehmen: Sie atmen bulgarische Luft, sie trinken bulgarisches Wasser, sie essen bulgarisches Brot Damit meint der selbsternannte Vorkämpfer des Christentums die türkische Minderheit in Bulgarien, die immerhin zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht und seit Jahrhunderten dort lebt. Er findet, daß alle Völker in "ihrem" Staat leben sollten; im übrigen sei Bulgarien "von Schädlingen zu säubern". Wer sich nicht mit Haut, Haar und Namen assimiliere, der müsse das Land verlassen. Beim großen Reinemachen könne man gleich auch noch "Konstantinopel vom Halbmond befreien", bramarbasiert der Herr von hundert Hooligans. Es sei Zeit, gegen die Türken vorzurücken, die das Land fast ein halbes Jahrtausend lang (vom 14 bis zum 19. Jahrhundert) unterjochten.

Für diese historische Schmach hatte auch schon vor der Wende von 1989 der von Gelemenow verachtete kommunistische Herrscher Rache genommen: Todor Schiwkow verfolgte in den achtziger Jahren die Türken, die vor allem in den Bergregionen Ostbulgariens leben. Er ließ Moscheen schließen, die türkische Sprache verbieten, versuchte gar im sogenannten "Wiedergeburtsprozeß", die Türken gewaltsam zu assimilieren. Wer keinen bulgarischen Namen annahm, wanderte ins Gefängnis oder ins Arbeitslager. Noch 1989, wenige Monate vor dem Sturz Schiwkows, wurden demonstrierende Türken grün und blau geschlagen, einige erschossen. 369 000 von ihnen flüchteten damals aus dem Land - ganz im Sinne der rassistischen Reinheitsideologen.